Ein Nachtrag

Liebe Leser.

Ich wollte euch das nicht vorenthalten.

Auf vielfachen Wunsch hin gibt es mein Buch “ Neunzehn Achtel Oma und Opa “ nun auch als ebook Ausgabe. Ich kann schon verstehen, dass sich einige Leute nicht mehr so gerne mit gedruckten Büchern die Regale vollstellen wollen. Obwohl mir selber ja ein gedrucktes Buch immer noch lieber ist, aber so ist ein Jeder anders.

 

Zu erhalten beim Buchhändler eurer Wahl.

Ich wünsche euch allen ein schönes 2017

eure Hanna

Meine Eltern werden alt. Teil 4

 

Meine Eltern werden alt. Teil 4

 

Wir, die Familie, suchten alle fieberhaft nach Wohnmöglichkeiten und Lösungen bei uns in der Nähe. Wir haben uns alle, zusammen und auch jeder alleine, so vieles angesehen, aber viele Möglichkeiten, die sich uns boten, die fanden wir für Muddi und Vaddi nicht passend oder viel zu teuer oder aber immer noch zu weit weg von uns.

Vaddi weigert sich stur, einem Umzug zuzustimmen. Für uns war das allerdings schon beschlossene Sache, auch für die Enkel, die sich ja auch gerne kümmern möchten. Mit Engelszungen versuchte jeder Einzelne, Vaddi von den Vorzügen eines Umzuges zu überzeugen. Allerdings gab es da diese Nachbarin, die mich damals angerufen hatte. Sie redete Vaddi immer ein, Muddi könne alles allein und könne nach Hause. Sie würde schon auf sie aufpassen. Die Nachbarin ist etwa 70 Jahre alt und ist eigentlich selber auch nicht mehr ganz gesund.

Inzwischen hatte ich eine tolle Seniorenwohnanlage gefunden. Für Muddi allein zweieinhalb Zimmer, ich konnte erst gar nicht glauben, dass es ein Pflegezimmer sein soll, und betreutes Wohnen, 2 Zimmer, Küche, Diele, Bad für Vaddi im gleichen Haus, ganz bei uns in der Nähe. Ich hatte sofort den Kontakt aufgenommen, der Platz ist für beide nun reserviert. Mal so auf Verdacht. („Wir können das aber nicht länger als 3 Wochen freihalten.“)

Plötzlich, ich hatte wie jeden Tag mit Vaddi telefoniert, war er mit einem Umzug einverstanden. Mir fiel fast der Hörer aus der Hand. 5 Tage bevor die Kurzzeitpflege aufhörte!

Nun konnte ich jetzt alle Formalitäten dafür erledigen.

Dann wieder zurück an ihren Wohnort, eine Kündigung für ihr gemietetes Haus, den Umzug von Heim zu Heim organisiert, den Möbelwagen für deren Hausstand besorgt. Mit meiner Schwester und ihrem Mann haben wir alles verpackt, was mit sollte. Ich kann bis heute nicht glauben, dass wir das alles in dieser kurzen Zeit erledigen konnten.

box-550405_640

Auszug aus meinem Tagebuch:

Wir durchforsten die Wohnung, was mit muss und was vielleicht weg kann.

Ich finde, es kann ziemlich viel weg. Das Ehebett der beiden hat Schubladen unten drunter. Total praktisch, da kann man doch viel unterbringen. Das Schlafzimmer ist ziemlich klein. Auf der Seite, auf der Muddi immer geschlafen hatte, steht auch der Kleiderschrank. Dadurch kann man die Schubladen nicht zur vollen Länge herausziehen. Jahrelang haben sie in den Schubladen alles Mögliche untergebracht. Immer nach vorne und was schon drin war rückte zwangsläufig weiter nach hinten. Weihnachtsutensilien, die es aber noch einmal gab und jetzt woanders lagerten, damit man sie auch wiederfand. Strickzeugs, Badeanzüge, elektrische Wärmedecken, Klamotten, die sowieso nichts mehr waren, aber man kann das ja nicht wegwerfen…

Den gesamten Inhalt haben sie bestimmt schon jahrelang nicht mehr gesehen. Ich packe alles in blaue große Müllsäcke und verschweige Vaddi, was ich damit vorhabe.

Viele Dinge habe ich später neu oder gebraucht wieder gekauft. Sie brauchten sie nicht, aber: „Wir haben da doch noch…“

 

Dann kommt der Tag des Umzuges.

Meine Eltern werden alt. Teil 3

Meine Eltern werden alt. Teil 3

Also zog Muddi erst mal in ein Heim für eine Kurzzeitpflege. In Schleswig Holstein. Ich war so oft es meine Arbeit zuließ, bei ihr. Wenn ich Zuhause war, telefonierte ich täglich mit Vaddi, auch mit Muddi und auch mit den Schwestern.

Auszug aus meinem Tagebuch:

Von den Schwestern höre ich, dass Muddi die meiste Zeit nur im Bett liegt. Dass sie immer weniger alleine kann. Und das sie auch immer weniger alleine machen will. Was ist denn da los?

Ich nehme mir also doch wieder frei auf der Arbeit und fahre wieder nach Schleswig Holstein.

Und bringe Muddi auch in ihr Haus. Die Stufen sind kaum zu bewältigen, das Klo viel zu niedrig. Sie stolpert über alle Teppiche. So geht das nicht. Wenn ich zu ihr ins Heim fahre, liegt sie nur im Bett. Davon wird das nie besser…

Als ich heute in ihr Zimmer kam, war es leer. Auch auf dem Klo war sie nicht. Ich gehe zum Schwesternzimmer. Auf dem Weg dorthin ist noch ein kleiner Raum, indem manche Leute essen oder sich aufhalten.

Dort finde ich Muddi. Sie sitzt am Tisch und hat etwas zu trinken vor sich stehen. In diesem Raum sitzen noch 3 weitere Leute. Ein Mann im Rollstuhl schläft, eine Frau weint pausenlos leise vor sich hin und eine weitere Frau spricht liebevoll mit ihren Plüschaffen und streichelt ihn. Und Muddi mittendrin.

Meine Muddi. Meine Muddi, die man ja mit den anderen Leuten hier wohl nicht vergleichen kann! So ist sie nicht, sie ist ja nicht blöde oder alt oder dement oder sowas! Muddi doch nicht!!!

Ein junger Mann von der Betreuung kommt vorbei. Er erklärt mir, dass Muddi nicht nach unten in den Speisesaal will und sie jetzt immer hier isst. Und bindet ihr ein Lätzchen um!!! Wie sieht das denn aus?

Beim Mittagessen leiste ich ihr Gesellschaft. Ich muss dabei mehrere Male den Löffel oder Gabel wieder in Richtung Essen rücken und das Lätzchen ist vollgekleckert.

Die Heimleitung sagt mir, dass sie so in dem Zustand nicht nach Hause kann und in weniger als 2 Wochen ist die Kurzzeitpflege rum. Was machen wir denn dann?

 

Uns war klar, so kann es nicht weitergehen. Wir wohnen zu weit weg. Ich bin, wenn auch nur noch halbtags, aber doch berufstätig. Ich bin mit fast 60 Jahren auch zu alt, eine neue Arbeitsstelle in ihrem Ort zu finden, wir wollen auch nicht wirklich umziehen.

Da ist die naheliegende und auch vernünftige Lösung, sie ziehen zu uns. Also in unsere Nähe.

Aber mein Vater wollte einfach nicht umziehen. „ Hier gehen wir nur mit den Füssen zuerst raus“, sagte er.

Der Weg zu ihr in die Kurzzeitpflege war für ihn auch sehr beschwerlich und, das mussten wir plötzlich feststellen, sie stritten sich andauernd.

Wo ist das Vorzeige-Liebespaar geblieben, das wir immer bewundert und dem auch nachgeeifert haben?

Die Steinerne Hochzeit hatten wir alle noch zusammen gefeiert, 67,5 Jahre!

Zu dieser Zeit hatte ich vieles noch nicht verstanden:

Muddi war krank, plötzlich völlig verändert und Vaddi konnte sich damit gar nicht abfinden. Sie soll doch bitte wieder so sein wie früher! Zum Beispiel, als sie damals, vor 30 Jahren, ihr Sprunggelenk gebrochen hatte und am nächsten Tag, zwar mit Krücken, wieder zu Hause war. Auch mit einem Schlag!