Ein Nachtrag

Liebe Leser.

Ich wollte euch das nicht vorenthalten.

Auf vielfachen Wunsch hin gibt es mein Buch “ Neunzehn Achtel Oma und Opa “ nun auch als ebook Ausgabe. Ich kann schon verstehen, dass sich einige Leute nicht mehr so gerne mit gedruckten Büchern die Regale vollstellen wollen. Obwohl mir selber ja ein gedrucktes Buch immer noch lieber ist, aber so ist ein Jeder anders.

 

Zu erhalten beim Buchhändler eurer Wahl.

Ich wünsche euch allen ein schönes 2017

eure Hanna

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Tagebuch über meine Eltern

Liebe Leser!

Nun ist es zu Ende.

Das Tagebuch über meine Eltern

Jeder, der aufmerksam gefolgt ist, kennt es.

Da ich aber für mich nun wirklich abschließen will, hat dieser Blog sich verändert und wird auch nicht mehr regelmäßig weitergeführt.

Verändert in der Form, dass man nicht mehr alle Kapitel und Unterkapitel lesen kann. Wer doch lesen will, muss sich also nun das Buch zulegen.

Das Buch ist ja trotzdem noch ein wenig anders, da hier ja die Anfänge der Erkrankung meiner Muddi, der Krankenhausaufenthalt und die, wie ich immer noch finde, viel zu kurze Reha, sowie mein sturer Vaddi, der nicht umziehen wollte, etwas ausführlicher beschrieben sind.

Nichts desto trotz, wer fertig gelesen hat ist wohl auch fertig.

Mir hatte das Schreiben sehr geholfen, ich konnte nun endlich gut abschließen.

17 Ordner mit verschiedenem Inhalt, die ich für meine Eltern angesammelt hatte, sind in einen einzigen Ordner geschrumpft.

4 Jahre, Jahre voller Liebe und Zuneigung, in denen ich überrascht, traurig, wütend und verzweifelt war, haben sich tatsächlich nur noch in eine sehr schöne Erinnerung an meine Eltern gewandelt. Ich denke gerne an die beiden und manchmal träume ich auch von ihnen. Und dann kann Muddi ganz normal laufen, Radfahren, Bücher lesen und Vaddi schält die Kartoffeln, die er eben mit seinem Auto eingekauft hat. Alles fühlt sich dann so normal an. So normal, wie ihr langes Leben auch war.

Also möchte ich mich bei meinen treuen Lesern recht herzlich bedanken. Bedanken für die Likes, bedanken für die Kommentare, persönlichen Emails und für die Anteilnahme.

Schön, euch kennengelernt zu haben.

Als wirklich letztes Abschließen kann man nun den Film auf youtube ansehen, den ich damals erstellt hatte. Siehe Kapitel 44.

> Klick auf das Filmchen < Gedanken, die…

Eure Hanna

 

Demnächst auch als Buch

 

Da ich schon von einigen Leuten darauf angesprochen wurde, habe ich mich nun doch entschieden, meine Erlebnisse als Buch zu veröffentlichen. Das Buch ist eigentlich schon lange fertig, aber da meine „Berühmtheit“ nicht mit der von Daniela Katzenberger zu vergleichen ist, wollte sich kein Verlag darauf einlassen.

Und so wird es im Selbstverlag bei Epubli erscheinen.

Den neuesten Druck muss ich also noch einmal probelesen und eventuell verbessern und dann geht es los.

Der Titel des Buches wird lauten:

Neunzehn Achtel Oma und Opa

Warum das Buch so heißen wird, merkt man erst in den letzten Seiten, aber mich hatte etwas so berührt, dass ich genau diesen Titel wählen musste.

Wen es interessiert, der kann gespannt sein.

Liebe Grüße von Hanna

 

Meine Eltern werden alt – Teil 45

Meine Eltern werden alt  – Teil 45

Gestern hatte ich Bereitschaftsdienst und bin heute gleich um 9 Uhr hin. Die ganze Zeit überlege ich, bei wem ich anfangen soll. Die Entscheidung fällt in der Stationsküche, wo ich, für wen auch immer jetzt, einen Saft hole.

Bei Muddi ist die Tür auf, ich höre eine Schwester, die Muddi scheinbar aufs Sofa gebracht hat, sie schlägt Fernsehen vor, das könne sie ja so sehen.

Also fange ich bei Vaddi an.

Er sitzt auf dem Sofa, ist wach und sagt: „Da bist du ja endlich!“

Ich erkläre, dass ich direkt von der Arbeit zu ihm gekommen sei.

„???“

Er erzählt mir, dass er 2 Stunden seit dem Frühstück herumgewandert ist, weil er gesucht hat.

„Was hast du denn gesucht?“

„Dich!!!“

Scheinbar verwechselt er mich gerade mit Muddi.

„Hier hängen die einfach die Bilder und die Bremer Stadtmusikanten irgendwohin. Und diese Dinge hängen alle komisch und andauernd hängen sie sie woanders hin und ständig werde ich in die andere Richtung geschickt.“

Er müsse sich jetzt auch ausruhen und schläft mitten in einem Satz ein.

Ich räume das Zimmer etwas auf. Als er wach wird, nach etwa 2 Minuten, soll ich mich sofort neben ihn setzen.

Jetzt merkt er wieder, wer ich bin.

Vaddi erzählt das alles noch mal, ein wenig anders zwar, aber er hatte auf seiner Wanderung irgendwo gefragt, ob man was dagegen hätte, wenn er hier zum Klo ginge.

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Da hätte man aber etwas dagegen gehabt und wenn er jetzt in die Hose macht, dann schämt er sich. Und ständig schicken die ihn woanders hin. Und dann sei er bei Muddi gewesen, aber die war nicht im Bett, er habe extra die Bettdecke hochgehoben, aber da war keiner und auch gar kein Bett….

„Wo bin ich denn hier? Und wieso ist Muddi nicht hier?“

Ich erkläre, dass sie ja 2 verschiedene Wohnungen haben und er tippt sich auf die Stirn und sagt: „das ist die Lösung!“

Ich rede Vaddi ein, dass es nicht schlimm sei, wenn er ein wenig durcheinander wäre.

„Ein wenig??? „ sagt er.

Er scheint im Augenblick völlig klar, will zum Klo und ich beziehe sein Bett neu. Als er zurückkommt, zeige ich es ihm lieber mal, nicht dass er denkt, es wäre ein anderes Bett. (Ich kann aber auch nicht ausschließen, dass er es nachher denkt.)

Irgendwie eise ich mich dann von ihm los, bringe die Wäsche ins Auto und wandere zu Muddi. Die liegt aber wieder im Bett. Wir stehen auf, sie nimmt etwas vom Obstsalat, den ich in der Küche für sie mitbekommen habe und trinkt gerne das Glas Saft

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Wir rufen bei ihrer Schwester Marie an, ich berichte Muddi von Vaddis Alzheimerverwandlung, damit sie sich nicht wundert, wenn sie das mal sehen sollte, mache ihre Fingernägel sauber und dann will sie ins Bett bis zum Mittagessen. Ich hab auch keine Lust mehr, andauernd stöhnt sie so gelangweilt neben mir (so wie sie es immer bei Vaddi getan hat, wenn er dasselbe geredet hat, jetzt tue ich es scheinbar auch…)

Vaddi kommt mir schon an der Ecke entgegen. Es ist kurz vor halb zwölf. Ich sage, dass ich noch was in seine Wohnung bringe und dann noch unten Tschüss sagen will.

In seiner Wohnung räume ich das Sofa auf, denn der gesamte Mist, der auf dem kleinen Tisch war, liegt jetzt auf seinem Sofa, Platz zum Sitzen gäbe es nur noch auf dem leeren Tisch.

Gott, ist das alles gruselig!

Ich sage Vaddi dann noch auf Wiedersehen, er ist noch alleine unten. „Die anderen werden schon noch kommen. Bis Morgen dann.“

 

Meine Eltern werden alt – Teil 44

Meine Eltern werden alt  – Teil 44

 Mitte Februar 2013

Gestern bin ich einfach nicht hingefahren. Ich habe stattdessen die Steuererklärung, zu der Muddi und Vaddi aufgefordert wurden, für die beiden gemacht und im Finanzamt abgegeben.

Ich habe aber trotzdem die ganze Zeit ein schlechtes Gewissen gehabt. Das muss aufhören!!!

Vorgestern wusste Muddi nicht einmal mehr, ob sie beim Karnevalsfest war, dabei habe ich sie doch selber runter gefahren und zu Vaddi gesetzt.

An diesem Tag habe ich im Internet ein tolles Video gefunden. Es heißt ~ Das Leben, eine Geschichte zum Nachdenken ~. Es hat eine sehr schöne Musik. Mir kommen sofort die Tränen, als ich den dazugehörigen Text lese.

Ich schneide ja gerne immer solche Filme von früher auf dem Computer, ich habe fast alle Super 8 Filme von Vaddi neu aufgenommen und mit Musik und – oder Geräuschen versehen.

Jetzt übernehme ich diesen Text und Musik und spiele eigene Bilder von Muddi und Vaddi auf. Und heule erst mal eine Runde.

 ~ Wenn ich nicht mehr so gut laufen kann, dann nimm mich bei den Händen und halte mich so, wie ich es früher mit dir gemacht habe, als du klein warst ~

Das mache ich gerade bei Muddi und immer wieder zuhören, das muss ich bei Vaddi.

Sehr ergreifend und es gibt mir wieder Kraft, für sie da zu sein.

Beide haben mich nicht gefragt, wieso ich gestern nicht da war. Wahrscheinlich haben die es nicht bemerkt.

Nachdem Muddis Hautklammern von ihrer Operation entfernt wurden, gehe ich mit Muddi zum Sofa, es geht schon etwas besser und wir sehen uns zusammen die “Aktuelle” an. Die hatte sie früher immer gelesen. Nach einer Seite hatte sie nicht mehr hingehört und wir machen zusammen Kreuzworträtsel. D.h. ich frage sie und sie gibt mir die Antwort. Aber das Rätsel ist zu groß und es strengt sie sichtlich an, so zu überlegen. Morgen machen wir weiter, verspreche ich. Ich lasse sie auf dem Sofa sitzen, lege die Klingel dazu und sage der Schwester Bescheid.

Dann geht’s zu Vaddi. Er sitzt im Schlafanzug auf dem Sofa, Jeans und Pullover liegen daneben. Zusammen mit mir zieht er sich um. Er erzählt mir, dass der Pfleger Jupp sich seine Zeiten auch so backen würde, wie es ihm in den Kram passt. Ich verstehe nicht was er meint und er erklärt, dass er gestern Vormittag (Jupp macht nur noch Nachtdienst…) einfach Vaddi ausgezogen hätte, zum Bett gebracht, Licht aus, Gute Nacht, jetzt wird geschlafen.

Dabei war es doch erst Nachmittag!!!

Er ist dann (am Vor – Nachmittag…) im Dunkeln wieder zum Sofa. Jupp soll ihn mal nicht für blöde erklären.

Ich habe überhaupt keine Lust mehr, die beiden zu besuchen!!!

Eine Geschichte zum Nachdenken von Tim Beuckert

Meine Eltern werden alt – Teil 43

Meine Eltern werden alt  – Teil 43

 Anfang Februar 2013

Eine Schwester hatte mir berichtet, dass Muddi am Sonntagmorgen beim Frühstück nur geweint hätte. Die Schwester hat sie zu Vaddi gefahren aber da wollte sie dann auch gleich wieder weg und nur ins Bett.

Bei mir hatte Muddi davon nichts gesagt, auch Vaddi nicht.

Da Vaddi von den Äpfeln, die er immer vom Speisesaal mitnimmt, Bratäpfel machen wollte, erkläre ich ihm, dass er ja keinen Herd mehr hätte. Er kann es gar nicht glauben und ist sehr enttäuscht. (Was haben wir da bloß gemacht?)

Ich verspreche ihm, dass ich die Bratäpfel für ihn mache und sie am nächsten Tag mitbringe. Claus bestellt in einem Restaurant für Montagmittag 2 fertige Bratäpfel auf 13 Uhr.

Mit den Bratäpfeln stapfe ich Montag zu Vaddi, es sind Riesenportionen und, nachdem ich sie etwas kleingeschnitten habe, isst Vaddi seine Portion komplett auf. Nur die dicken Nüsse und Mandeln spuckt er wieder aus. Anschließend hätte er am liebsten die Schale ausgeleckt.baked-apple-549092_150

Ich muss ihm den Mund abwischen. Meinem stolzen Vater! Er ist so alt geworden. Aber eigentlich lieb und dankbar.

Muddi hat nur ein klein wenig von dem Bratapfel (für je 4,95€) gegessen, will eigentlich gar nichts, am liebsten nur ins Bett.

Ich bleibe also doch noch länger, als ich vorhatte, denn heute ist Karnevalsfest und ich nehme sie mit runter zu Vaddi in den Speisesaal. Ich will heute allerdings nicht an diesem zweifelhaften Vergnügen teilhaben.

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Fast fluchtartig verlasse ich das Heim, ich fühle mich elend, der Haussegen bei mir hängt gewaltig schief, ich weiß eigentlich nicht mehr weiter!

Was ist mit meinem Privatleben? Meiner Ehe?

Aber ich brauche jetzt die Rücksichtname von Claus, denn es tut so entsetzlich weh, die 2 so zu sehen.

Muddi kann doch nicht immer nur im Bett liegen! Wie lange soll das denn so gehen???

 

Meine Eltern werden alt Teil 42

Meine Eltern werden alt  Teil 42

 

Ich nehme donnerstags das meiste aus Muddis Schrank im Krankenhaus schon mal mit, es ist mit der Schmutzwäsche eine große Reisetasche voll. Den Rest können die Muddi ja mitgeben, am Freitag. Da muss ich arbeiten.

Freitags nach Feierabend (ich war die Einzige, die keine Überstunden machen wollte, nette Kollegin ich…) besuche ich im Heim erst Muddi, den Hausarzt habe ich auf dem Flur kurz gesprochen, als er Muddi gerade untersucht hatte.

„ Bitte besorgen Sie für Ihre Mutter eine Gehhilfe“, sagte er. Ich verstand ihn nicht. Im Krankenhaus hatte ich ja auch schon mal solche komischen Gestelle gesehen, wo der Patient mit den Achseln draufhängt, um besser laufen zu können. Vielleicht meint er so etwas. „Nein, ihren Rollator“. Nun musste ich feststellen, dass man den Rollator vergessen hatte mitzuschicken!!!

Vaddi hatte Gott sei Dank seinen dicken Stuhlknubbel endlich ausgesch…, ich war ja heute auch mit einem Einwegklistier aus der Apotheke bestückt.

Ich hätte nie im Leben gedacht, dass mich die Ausscheidungen meiner Eltern jemals interessieren, ja, ob ich das überhaupt hätte wissen wollen, heute geht mein Leben darum, habt ihr Pippi und Groß gemacht, war es dick oder dünn, habt ihr Hunger oder Durst…

 Ich habe dann Vaddi zu Muddi gebracht, der bei ihren Anblick auf dem Sofa sofort in riesige Tränen ausgebrochen ist, er hat Muddi auf den Mund geküsst. Danach sind sie in den 3 Minuten, die ich sie allein gelassen habe, beide auf dem Sofa eingeschlafen.

Vaddi ist zum Essen runter, es hatte nicht geklappt mit dem Essen in der Stationsküche. Ohne Muddi oben essen wollte er nicht. Muddi wurde im Rollstuhl abgeholt.

 

Ich bin dann also zum Krankenhaus gefahren, um den Rollator zu holen. Keine Entschuldigung hatte ich auch erwartet, ich war froh, dass man ihn jetzt nicht noch stundenlang suchen musste. Ich bin so müde, früher hätte ich einen Aufstand gemacht, heute bin ich dankbar, dass man mich anhört (so von oben herab…)

Ich bin dann also kurz vor 19 Uhr wieder im Heim. Vaddi sitzt noch im Speisesaal. Er schläft am Tisch. Vor ihm steht eine umgedrehte Kaffeetasse, unbenutztes Besteck und ein Apfel. Er wird wach, freut sich, als er mich sieht und sagt „guten Morgen“ (Moin sagt er schon lange nicht mehr…)

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Ich frage irritiert, ob er denn noch gar nicht zu Abend gegessen hätte. Es gab auch keinen Tee mehr. „Nein“, sagt er, „aber es geht wohl gleich los.“

Die 3 Männer vom Nachbartisch waren nach eigenen Angaben satt, Vaddi war aber auch rechtzeitig dort und ich sause in die große Küche.

„Ich lasse ihren Vater doch nicht verhungern“ sagt die irritierte Heike von der Küche. „Und Obst hat er ja auch bekommen!“ Und die Kaffeetasse und das Besteck hatte sie beim Abräumen schon für morgen früh hingestellt. (Die müssen ja auch sehen, wie es weitergeht…)

Ich sage Vaddi, dass er satt sei, weil er vor 30 Minuten ja zu Abend gegessen hatte und erst morgen früh zum Frühstück wieder etwas bekäme.

Er ist mit der Antwort zufrieden, „dann gibt’s eben erst morgen wieder was“, schaut auf die Uhr (19 Uhr…) „Geht dann ja auch gleich los“, sagt er, „solange gehe ich noch eben nach oben“.

Laut singend verlässt er den Speisesaal, die 3 Männer grinsen hinter uns her…

Ich verabschiede mich schon am Aufzug im 2. Stock von ihm, ich kann einfach nicht mehr. Er freut sich, wünscht mir eine gute Fahrt nach Hause, ich soll mal alle grüßen, „ komm gut nach Hause und ruf an, wenn du angekommen bist…“

Muddi liegt bereits ausgezogen im Bett, „wer ist denn da?“ Ohne Zähne ist sie kaum zu verstehen. Ich stelle den Rollator ab, wünsche eine gute Nacht und kaufe anschließend eine Kiste Jeverbier für Claus und mich.

Es ist ja Wochenende!!!

 

Meine Eltern werden alt – Teil 41

Meine Eltern werden alt – Teil 41

2.2.13

Muddi geht’s einigermaßen. Sie hat immer noch ihren Blasenkatheter, nach 2 Bluttransfusionen sieht sie im Gesicht schön sonnengebräunt aus, sie trinkt zu wenig und bekommt deshalb eine Infusion, leider alles rechts, was sie durch die Hemiparese links jetzt auch wieder beim Essen und Trinken behindert.

Sie schickt wohl den Physiotherapeuten wieder weg, es sei ihr alles zu anstrengend, mit den Schwestern geht’s aufs Klo und zum Waschen. Aber sie läuft keinen Schritt, nicht mal mit Hilfe, es sind 2 Leute nötig, die ihr helfen. Mittagessen gibt’s am Tisch im Rollstuhl, sie isst sehr wenig und ist froh, wenn sie wieder im Bett ist.

Natürlich ist ihr alles fremd hier, Veränderungen haben ihr in letzter Zeit ja noch nie gut getan.

Vaddi ist immer noch verwirrt. Die Uhrzeiten, die die Schwestern ihm nennen, stimmten nicht, es sind nicht seine Zeiten. Aber es sei ihm egal, wenn sie am Abend zu ihm sagen würden, es gäbe Frühstück, kleine Scherze sind ja erlaubt.

child-145288__180Er hat den Tag/ Nachtrhythmus total umgekehrt und geistert pausenlos, vor allem nachts, durch das ganze Haus.

3.2.13

Muddi, hat wieder eine Infusion, sie liegt im Bett und will da auch sein. Getrunken hat sie, seit sie gestern bei mir gerne 6oo ml Eistee getrunken hatte, wohl auch nichts mehr. Es reicht aber auch nicht, dass man es ihr einfach nur hinstellt!

Auch das Essen bekommt sie einfach so hingestellt, zum Beispiel Schnitzel und das Besteck ist oben in einer Serviette zusammengerollt. Sie wissen eigentlich, dass Muddi eine Hemiparese hat. Und eine Pflegestufe.

Ich versuche, mich zusammenzureißen…

Die Schwestern im Pflegestützpunkt sind allesamt nicht besonders freundlich.

Mit dem Sozialdienst vom Krankenhaus haben wir uns geeinigt, dass Muddi die erforderliche Reha im Heim ambulant macht, anstatt irgendwann in einem weit entfernten Klinikum.

„Hier in der Nähe gibt es keine Geriatrische Reha“, hatte man mir gesagt.

Geriatrische Reha, wie sich das anhört! Für meine Mutter. Geriatrie!

Und wieso liegt sie nicht jetzt auf einer geriatrischen Abteilung? In einer Abteilung, in der sich Schwestern mit alten Leuten auskennen?

 

Meine Eltern werden alt – Teil 40

Meine Eltern werden alt – Teil 40

Als ich einen Tag später kurz vor 10 Uhr im Heim ankomme, sehe ich Vaddi beim Frühstück sitzen. Er sieht mich auch sofort und winkt mir zu. Ich leiste ihm Gesellschaft, dann schleichen wir uns durch die Außentür raus, weil vorne schon Seniorenturnen ist. Daran nimmt er natürlich nicht teil. „Ich mache jeden Morgen alleine Frühgymnastik“.

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„ Ich habe endlich meinen Rollator wiedergefunden“, sagt er. Ich weiß nicht, was er meint, denn er läuft ja gerade damit.

Oben in seiner Wohnung vermisse ich allerdings seinen Rollstuhl. Der steht eigentlich immer mitten im Flur. Ich frage in der Küche nach, keiner hat ihn gesehen, aber ich sollte noch zu Sr. Kerstin. „Mach ich nachher, wenn ich zu Muddi gehe“, sage ich und keiner sagt da was drauf.

Ich gehe also erst mal anschließend zum Pflegestützpunkt, aber Sr. Kerstin ist nicht da. Ina telefoniert mit ihr und dann kriege ich gesagt, dass Muddi wieder hingefallen ist. Erschrocken bin ich erst mal zu ihr rein, sie kann das linke Bein nicht mehr bewegen. Ich ziehe ihr die Hose aus, es ist nichts dick oder blau, aber sie lokalisiert den Schmerz deutlich auf den linken Oberschenkel. Rechts geht’s gut, links verzieht sie sofort ihr Gesicht. Sie kann sich nicht mal aufsetzen, ich hole eine Schnabeltasse, damit sie etwas trinken kann.

Ich rede noch ein paar Mal mit dem Pfleger, der ihr eine Schmerztablette gibt und sich um den Hausarzt bemühen will.

Das Mittagessen füttere ich ihr, sie nimmt aber nur ein paar Bissen. Alles tut ihr weh.

In der Cafeteria finde ich Vaddis Rollstuhl. Er hatte ihn wohl als Rollator benutzt, indem er ihn geschoben hatte. Nach dem Essen stand dort in der Cafeteria nur ein Rollstuhl und er hatte den gar nicht mit sich in Verbindung gebracht. Er ist also ohne alles los, das schafft er ja auch.

Der Rollstuhl muss sofort seinen Namen bekommen, solange klebe ich etwas anderes drauf, ich muss ihn doch wiedererkennen, bei den vielen Rollstühlen, die hier so in Betrieb sind.

Vaddi sage ich noch Bescheid, ich will auf jeden Fall heute Nachmittag oder Abend noch mal wegen Muddi dahin.

Ach, was tun mir beide Eltern doch leid!!

Claus war beim Friseur und ist anschließend zu Muddi, da kam gerade der Hausarzt und hat Muddi ins Krankenhaus eingewiesen. 16:30 Uhr. Claus rief mich schnell an und ich bin natürlich mit meinem PKW hinterher.

Muddi hat den Schenkelhals gebrochen und wird schon um 19 Uhr operiert.

Und ich habe es nicht bemerkt!

Ich begleite sie noch bis vor die OP Türe und winke ihr hinterher.

Arme Muddi!

Am nächsten Morgen hatte Muddi nach eigenen Angaben gut geschlafen. Die Ärztin sagte, als sie mich sah:  „ Schauen sie, ihre Tochter ist da und bleibt den ganzen Tag“.

Wie kommt die auf eine solche absurde Idee? Ich will gerne ein paar Stunden bleiben, aber es gibt ja auch noch Vaddi. Und eigentlich gibt es auch noch mich!

 

Meine Eltern werden alt – Teil 39

Meine Eltern werden alt – Teil 39

25.1.13

Das mit dem Toilettenstuhl hat wohl ganz gut geklappt.

Alles ist mal wieder durcheinander, da die Cafeteria für 2 Tage wegen einer Fortbildung für die Bewohner gesperrt war. Den Mehrzweckraum, in dem sonst die Bewohner bei solchen Gelegenheiten gegessen hatten, den gibt es ja nun leider nicht mehr. Dort ist jetzt Baustelle, denn dort soll ja die neue Demenzstation hin. Für Muddi war der Weg ohnehin zu weit und auch Vaddi hatte sich auch schon mal verlaufen.

Oben in der Küche essen findet er nicht gut.

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Das Pflegepersonal hat die obere Stationsküche etwas umgestellt, sodass Muddi und Vaddi dort gemeinsam an einem Tisch essen können. Sie hoffen, dass es nach den 2 Tagen auch so bleiben könnte. „Wir gehen jetzt runter“, sagt Vaddi.

„Nein,“ sage ich, „heute und morgen müsst ihr hier oben essen.“ Das muss man ihm nun alle beiden Tage bei jeder Mahlzeit wieder sagen. Er ist von der Cafeteria auch wieder hochgebracht worden, weil er vor der geschlossenen Glastüre stand. Er versteht das nicht mehr.

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Gestern saßen beide bei Muddi auf dem Sofa, das Radio war an und beide waren eingeschlafen. Wie früher und es ist für mich ein schönes Bild. Sie fühlen sich wohl!

Vaddi ist im Moment ganz gut drauf, er könne Schmerzen ja gut aushalten, (tut bestimmt ziemlich weh, diese Rippenprellung), ist aber im Gesicht ziemlich alt geworden. Er hat so eingefallene Wangen. Er nimmt jetzt doch seinen Rollator, laufen ohne geht ziemlich wackelig. Alles sei gut, sagt er, aber ich glaube, er will mir nur keinen Kummer machen.

28.1.13

Der MDK war da. Und ich natürlich auch.

„ Ich will jetzt mit Niemandem sprechen! Wissen sie überhaupt, was hier los ist“? sagte er ziemlich aufgebracht.

Hat er aber dann doch. Völlig durcheinander und diesmal war ich froh drum. Die lange Schlupfhose hat er verkehrt herum an, ist mir erst gar nicht aufgefallen, aber dem MDK.

Als der Gutachter später im Büro auch noch meine Tagebuchaufzeichnungen las, war er sichtlich beeindruckt. Zumindest hat er geschluckt und „ ach Gott“ gesagt…

Es wird wohl eine Pflegestufe geben, meinte der Gutachter.

 

Meine Eltern werden alt – Teil 38

 

Meine Eltern werden alt – Teil 38

23.1.13

Ich war heute zuerst bei Muddi, hole sie vom Bett runter, wo sie jetzt immer ihre Zeit verbringt. Wir erzählen und dann lese ich ihr aus dem Schilligbuch vor.

Als ich erst 6 Jahre alt war, sind wir, also unsere Familie, in den Sommerferien vom Niederrhein aus nach Schillig an die Nordsee gefahren. Mit Zelt und Fahrrädern. Edda und ich vorne auf jeweils einem Rad im Kindersitz. Wir waren 4 Wochen unterwegs. Meine älteste, damals 16 jährige und schon verstorbene Schwester hatte einen selbstgeschriebenen Reisebericht mit Fotos verfasst.

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Ihr Sohn Jörn hatte das, von uns allen längst vermisste Buch, irgendwann auf dem Dachboden seines Vaters gefunden, hatte es neu binden lassen, alles aber noch im Original. Dieses Buch hatte uns immer viel bedeutet und die Freude, die ihr Enkelsohn ihnen damals zu Weihnachten gemacht hatte, ist nicht zu überbieten. Davon hatte ich jetzt Kopien gemacht, auf eine ordentliche Größe gebracht und als Buch geheftet.

Sie kann ja kaum noch was sehen und ihr Leben ist schon langweilig.

 

Die Ergotherapeutin von Muddi berichtet mir eine Geschichte:

Während sie mit Muddi zur Übung die Flure entlang lief, setzten die beiden sich auf ein Sofa, das auf dem Flur steht, um auszuruhen. Da kam Vaddi vorbei, in Begleitung einer weiblichen Bewohnerin. Als er Muddi auf dem Sofa sah, blieb er stehen und begrüßte sie. „Guten Tag, schöne Frau. Wohnen sie auch hier? Darf ich ihnen meine Frau vorstellen?“

Muddi war beleidigt und Vaddi wusste gar nicht, was er gemacht hatte.

 

24.1.13

Vaddi hatte sich wohl den Mülleimer ans Bett gestellt, weil er nachts so oft muss. Er wollte da reinmachen. Als er dann mal aufstehen wollte, ist er in oder an den Eimer getreten und ist hingefallen. Er hat sich ordentlich die linke Rippe geprellt. Er zieht sich stückchenweise vor mir aus, ich kann alles angucken und beschmiere die Rippen, wo sich leicht blaue Flecken bilden, mit Heparinsalbe. Dann creme ich seinen Rücken und seine Arme ein (hatte ich, seit er umgezogen ist, sowieso schon länger nicht) und schaue nach, ob noch etwas blau ist. Die Füße müssen auch noch dran, sie sind so trocken, er bekommt bei dieser Gelegenheit eine Windelhose an. Füße und Beine mit Linola Fett, er genießt die Streicheleinheiten sehr. Außer der Rippenprellung kann ich nichts feststellen.

Er ist traurig, weil er mir so viel Arbeit machen würde. Ich sage ihm, dass ich es gerne mache.

Nach deren Mittagessen hole ich den anderen Toilettenstuhl, den wir bei uns Zuhause für Muddi gekauft hatten, in Vaddis Zimmer und stelle ihn  neben sein Bett. Beim Probesitzen sagt er, dass es wohl gut wird.

 

Meine Eltern werden alt – Teil 37

 

Meine Eltern werden alt – Teil 37

17.1.13

Vaddi schläft zur Zeit viel, jetzt auch im Liegen auf dem Sofa. Er fühlt sich wohl, sagt er, aber seine Knie tun ihm weh. Er ist sehr blass. Er hatte sofort vergessen, was es zum Mittagessen gab.

„Ich bin gar nicht dagewesen.“ Muddi wusste es auch nicht mehr, aber Vaddi sei dagewesen. Ich sehe auf dem Speiseplan nach und sage „Bratwurst mit Sauerkraut.“ „Jau, das war lecker!!!“ sagt er.

18.1.13

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Vaddi sucht sein Klappmesser, womit er Muddi immer Kuchen und Obst kleinschneidet. Ich suche alles ab, kann es aber auch nicht finden. Viel später habe ich von Bärbel, meiner „ Freundin“, die inzwischen wirklich schon eine Freundin ist, erfahren, dass sie das arrangiert hatte. Er hatte ihr gezeigt, weil sie ja nun seine Vertraute war, was er am Liebsten machen würde: Er hielt sich das Messer an den Hals und bedeutete, einfach mal durchziehen…! Sie hat einem Pfleger Bescheid gegeben und dieser hat dann das Klappmesser in „Sicherheit“ gebracht.

Als ich später von Muddi weggehe, kommt Vaddi mir schon um 11:30 Uhr Richtung Speisesaal entgegen. „Guten Appetit und Tschüss bis morgen“, sage ich. „Ja bis gleich dann“, sagt er.

Ich hatte ihm gestern noch seinen Computer gebracht und hatte einen Internetstick gekauft, weil er ja keinen Telekomanschluss mehr hat, es funktioniert. Das Internet ist ihm immer wichtig gewesen, ich hab mir dafür auch ein Bein ausgerissen und für 2 Jahre einen Vertrag am Hals. Er war aber nicht am Computer.laptop-312391__180

Statt dessen erzählt er, nachdem er liegend auf dem Sofa wach wurde, dass in der Nacht der “ Sensenmann “ bei ihm war.

„ Der hat nicht schön ausgesehen.“

„ Was hast du dann gemacht?“, frage ich ihn.the-reaper-296535__180

„ Ich hab ihm gesagt, er soll weggehen.“

Wir reden über Gott, ob man glauben soll, woran ich glaube und über den Tod.

 

Er tut mir so leid!

 

Am Abend überkommt mich mal wieder eine tiefe Traurigkeit. Heute ist Freitag, da hab ich früher immer mit Muddi und Vaddi telefoniert. Jeden Freitag, auch im Urlaub, sogar aus Übersee!

Ich würde Muddi so gerne anrufen und fragen, wie ihr das neue Zimmer gefällt. Aber eigentlich würde ich ihr viel lieber erzählen, was ich schon wieder für einen „Brassel“ am Hals hatte.

Und sie würde mich dann beruhigen und auffangen, sie würde sagen, „die Leute, denen du geholfen hast, sind sicher ganz dankbar dafür. Du bist wirklich toll.“ Das würde sie sagen.

Ich kann die Tränen nicht mehr unterdrücken und heule hemmungslos.

 

 

 

Meine Eltern werden alt – Teil 36

Meine Eltern werden alt – Teil 36

12.1.13

Heute kommt der Rest aus Vaddis Wohnung dran.wind-chimes-575837__180

Danach muss ich die ganzen Kleinigkeiten suchen, die er an den Wänden hatte und die ihm wichtig sind. Leider nur winzige Dinge und die hat noch jemand anderes  weggeräumt.

„ Deine Kollegen, die beim Umzug geholfen hatten, sind aber alle sehr nett gewesen”, sagt er.

Es waren seine Kinder und Enkelkinder!!!

„Dein Vater ist richtig knuffig“, sagt Sr. Britta.

Vaddi ist nicht knuffig. Ich weiß schon, dass ist so ein Ausdruck. Das ist nett und auch liebevoll gemeint. Aber Vaddi ist nicht knuffig. Vaddi ist mein Vater. Er hat mich erzogen und mich viele Jahre meines Lebens begleitet. Er war mein Vorbild, viele Sachen, die ich weiß, kann und tue, die habe ich von ihm.

Also bitte, Vaddi ist nicht knuffig! Ich sage aber nichts dazu.

 

15.1.13

Ich habe heute die vorletzten Kisten in Vaddis neue Wohnung gebracht.

MüllDer Pfleger Peter kommt mir um 7:15 Uhr aufgeregt im Flur entgegen, als ich schon mal Müll aus der alten Wohnung entsorgen wollte.

Das muss ich um diese Zeit machen, weil Vaddi mir sonst ständig an den Fersen hängt, sobald er mich sieht.assistance-990332__180

Er könne Vaddi nicht wiederfinden. Ich gebe ihm den Tipp mit  dem Speisesaal, dort ist er dann auch. Vaddi will unten warten bis es Frühstück gibt.

Der Nachtpfleger Jupp, der auch Vaddi von früher noch sehr gut kennt, hat es auch nicht geschafft, ihm beim Waschen oder Duschen zu helfen, er sei schon fertig. Die Zähne hat er geputzt, die Waschlappen sind aber trocken. Er hat sicherlich keine neue Unterwäsche an. Er hat eine Schlafanzugjacke an, aber eine richtige lange Hose. Ich suche einen schönen Pullover raus.

„Jetzt gehen wir zum Frühstück“, sagt er. Es ist jetzt viertel nach 11.

 

Er sitzt dann auf dem Sofa und erzählt wie früher ohne Punkt und Komma, diesmal von seiner Mutter. Ich hatte solche Erzählungen von ihm schon öfter. Er fragte immer, ob ich mich denn gar nicht erinnern könnte, an sein Elternhaus und seine Mutter. Seine Mutter ist schon vor seiner Hochzeit mit Muddi gestorben, ich kann sie also gar nicht kennen. Ich tue schon lange so, als würde ich sie kennen. Das beruhigt ihn, da brauch ich nicht diskutieren. Und von den vielen Erzählungen und den Bildern habe ich inzwischen auch schon das Gefühl, ich kenne sie.

Am Nachmittag bringe ich noch einmal etwas hoch. Vaddi liegt auf dem Sofa. Sonst schläft er ja immer im Sitzen und ich wecke ihn sanft auf. Ich hatte tatsächlich Angst, er würde nicht mehr atmen.

Er freut sich, dass ich da bin und will zum Mittagessen. Wir reden zusammen, also er redet und ich höre zu, wie immer. Er kann seinen Schlüssel nicht finden. Ich erkläre ihm zum wiederholten Mal, dass er keinen mehr braucht. „ Das ist gut so“ sagt er.

 

Meine Eltern werden alt – Teil 35

Meine Eltern werden alt – Teil 35

11.1.13

Heute wird der Umzug sein. Meine Schwester Edda mit Roland sowie auch meine Neffen Jörn und Max sind gekommen, um zu helfen. Vaddi war relativ gut drauf. Das Duschen vom ambulanten Pflegedienst hat er strikt abgelehnt…

Zum Frühstück hat ihn eine Schwester vom Heim abgeholt. Er gehört ja bald sowieso dazu.

Der Umzug hat ihn dann aber doch aus der Bahn geworfen, er war nach dem Mittagessen bei Muddi in ihrem neuen Zimmer, das sie nicht toll findet, total enttäuscht von uns ist, weil wir einfach etwas über ihren Kopf hinweg entschieden hatten.box-267837__180

Und leider stimmt das auch. Wir wollten eigentlich einen Umzug bei ihr vermeiden, damit sie nicht noch verwirrter wird. Und wenn die tolle Wohnung für das Pflegepersonal jetzt weit weg ist vom Pflegestützpunkt, was geht uns das an?

Aber Vaddi jetzt in einem 1 Zimmerappartement unterzubringen schien uns noch unmöglicher. Da geht er drauf, wir sind froh, wenn er jetzt mitspielt und nicht so richtig mitkriegt, dass er nun auch in der Pflegeabteilung wohnt.

Außerdem können die beiden ja immer noch in seiner Wohnung zusammen sein, jetzt ist auch hier, im Gegensatz zu der Etage tiefer, die Pflege zuständig. Da haben wir, und es tut mir bis jetzt noch entsetzlich leid, da haben wir einfach über Muddis Kopf hinweg und gegen ihren Willen etwas entschieden.

Er ist dann in seine neue Wohnung gegangen, die noch nicht fertig ist, und hat dort die ganze Zeit (im Weg) rumgestanden, der Arme.

Nach dem Kaffee finde ich dann beide Eltern in seiner neuen (Muddis alten) Wohnung, weil er seinen Schlüssel nicht finden konnte. Den hat er ja nun nicht mehr. Das neue Zimmer von Muddi kennt er nicht, sagt er, er wolle mit. Vor dem Zimmer dann aber erinnert er sich, dass er schon mal da war.

Um 17:15 Uhr sitzen beide im Speisesaal und warten auf das Abendessen, das ab 18 Uhr serviert wird.

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Vaddi hat nun eine neue Wohnung, ich habe sein persönliches Bettzeugs aufgezogen, damit er sich heimisch fühlt. Ein Pfleger hat noch einmal nach ihm gesehen und sagte, er sei zufrieden. Wir sind sehr müde dann alle gegen 19:30 nach Hause.

Um Muddi habe ich mich heute eigentlich nicht wirklich gekümmert.

Meine Eltern werden alt- Teil 34

Meine Eltern werden alt- Teil 34

7.1.13

Ich bin nach der Arbeit gleich wieder zum Heim, wie jeden Tag eigentlich, aber zur Zeit ist es was anderes, irgendwie. Bei Vaddi ist es dunkel, das kann ich durch das Küchenfenster sehen. Ich klingele und er schließt auch auf. Er hat einen nackten Oberkörper, steht kerzengerade und wünscht mir einen guten Morgen. Ich sage ihm, dass es jetzt Nachmittag ist und er sagt, „im Bett liegt noch Jemand“. Er ist, glaube ich, gerade aufgestanden, sonst hat er immer fein säuberlich die Decke zurückgeschlagen…

Als er angezogen ist verbringen wir Zeit nebeneinander auf dem Sofa, er redet vom Tod und dass er so eigentlich nicht mehr will. Zum ersten Mal ohne „durch die Blume gesagt“.

Er will wissen, ob es eine Altersgrenze für Organspender gibt.

Um 10 nach 5 verabschiede ich mich, weil ich noch zu Muddi will. Wir sehen uns nachher beim Essen. „Ist dann Mittag?“ „Nein, jetzt ist es 5, um 6 Uhr ist Abendbrot.“ „Ja klar, wir sehen uns unten.“ Er ist schon da, als ich um 10 vor 6 mit Muddi komme. Vielleicht ist er schon gleich runter, als ich gegangen war?

10.1.13

Vaddi wird immer verwirrter! Manchmal liegt er auf dem Bett und schläft. Auf seinem kleinen, fahrbaren Wohnzimmertisch standen heute 2 Kaffeetassen, Toastbrot und Plätzchen und die Kaffeekanne mit Wasser drin. Auch in den Tassen ist Wasser.

Im Bericht des Pflegedienstes steht drin, dass er morgens schon Kuchen backen wollte, es aber nicht geschafft hat. Er hat dann Toastbrot mit Plätzchen belegt und Kaffeekochen könne er auch nicht mehr. Dabei wollte er doch so gerne der netten Pflegerin zeigen, wie toll er backen kann!rolling-pin-157071__180

Als er zum Klo geht räume ich alles diskret wieder weg.

Er bekommt die Zeiten nicht mehr hin, weiß nicht ob es Mittag oder Abendbrot gibt. Setzt sich zu anderen Zeiten in die Cafeteria, manchmal an einen anderen Tisch, dann schläft er dort im Sitzen.

Er hat Alzheimer!

Mir schießen die Tränen in die Augen.

Meine Eltern werden alt- Teil 33

Meine Eltern werden alt- Teil 33

6.1.13

Ich hatte ja gestern Bereitschaftsdienst, also bin ich heute, gleich nach unserem schnellen Frühstück, gegen halb 10 ins Heim.

Da  heute in der Cafeteria Neujahrsbruch ist, müssen die “normalen Esser“ alle auf ihren Zimmern essen. Ich verabrede unten mit der Küche und der Schwester auf Muddis Station, dass ich für Muddi und Vaddi dann unten am Buffet das Essen hole, sie können dann gemeinsam bei Muddi essen. Bei Vaddi auf dem Tisch ist ja kein Platz mehr, er hat fast alles aus den Schränken herausgeräumt und auf dem Tisch platziert. Ich habe schon lange aufgegeben, bei ihm aufzuräumen. Er findet seine Sachen zwar trotzdem nicht, aber ich brauche nur noch auf dem Tisch zu kramen, dann habe ich gefunden, was er gerade vermisst. Eigentlich ganz praktisch, sieht nur einfach schrecklich aus.

Ich wollte erst nach Muddi sehen, wie es ihr geht, aber Vaddi kam mir oben auf dem Flur von Muddi schon entgegen. Muddi läge im Bett, es gehe ihr gut, aber bei ihm sei alles durcheinander.

Wir gehen also direkt zusammen zu ihm runter. Er geht sehr langsam, an meinen Arm eingehakt. Das kenne ich gar nicht von ihm. Sein Wohnungsschlüssel steckt von außen an seiner Tür. Ich schließe auf und stecke, so wie er das sonst immer macht oder machen sollte, den Schlüssel innen in das Schloss.

Das Springrollo vom Fenster hängt schief, ein Stuhl steht davor. „Hast du versucht, das Rollo zu richten?“ frage ich erschrocken. „Nein, dafür waren ja die ganzen Leute hier. Alle fragen mich, was los ist, aber man bekommt ja keine Antwort“, sagt er. Ich verstehe nicht, was er meint, aber er kann es mir auch nicht sagen. „Es stimmt was nicht mit meinem Kopf“ sagt er.

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Ich nutze die Gelegenheit, noch einmal mit ihm über den geplanten Umzug in die Pflege zu reden, er soll ja in Muddis Wohnung, weil Muddi auch umziehen muss, näher an den Pflegestützpunkt, damit man öfter nach Muddi sehen kann. Weiterlesen

Meine Eltern werden alt Teil 32

Meine Eltern werden alt Teil 32

31.12.12     13 Uhr

Vaddi hat heute nicht zu Mittag gegessen, aber in der Küche Bescheid gesagt, berichtet er mir. Muddi läge oben mit Brechdurchfall im Bett. Ihm sei aber nicht schlecht. Ich bitte ihn, eine neue lange Hose anzuziehen, weil er müffelt und gehe dann hoch zu der kranken Muddi. Sie liegt im Bett, Toilettenstuhl daneben und einen Eimer zum Erbrechen. Ich gebe ihr vorsichtig etwas zu trinken. Es geht aber schon wieder aufwärts, sagt sie. Muddi ist richtig tapfer.

Ich habe Vaddi um 15 Uhr beim Kaffee unten Gesellschaft geleistet und bin dann mit einem Becher Kaffee wieder zu Muddi hoch, er wollte eigentlich nachkommen. Weiterlesen

Meine Eltern werden alt Teil 31

Meine Eltern werden alt Teil 31

 

25.12.12.

Edda hat mir heute telefonisch berichtet, dass sie beide auf Muddis Sofa schlafend vorfanden. Edda und Roland haben sich von ihnen verabschiedet und sind wieder nach Hause gefahren.

26.12.12

Heute hat Vaddi bereits um 5:30 im Frühstücksraum gesessen, das hat mit die Reinigungsdame erzählt. Die Pillen vom ambulanten Pflegedienst hat er auch dort unten bekommen. So steht es auch in der Pflegeakte. Er ist dort am Tisch eingeschlafen, bis es ab halb acht Frühstück gab.

Vaddi erzählte mir dann später, dass er danach etwas kochen wollte, bei sich, weil alles unten dunkel gewesen sei. Erst funktionierte der Herd nicht, er hat dann aber gesehen, dass die Sicherungen herausgesprungen waren. Er hat sie eingeschaltet. „ Da muss du dem Hausmeister aber mal Bescheid sagen“. Weiterlesen

Meine Eltern werden alt – Teil 30

Meine Eltern werden alt – Teil 30

17.12.12

Morgens war Vaddi schon oben bei Muddi. Er hat nachgesehen, wie es ihr geht oder hat er vergessen, was gestern Abend los war? Dann erzählte er mir seinen Traum: „ Da war die Frau mit dem Holzkopf und hat Muddi überwältigt, so dass sie hingefallen war. Oder war die Frau wirklich da? Gibt es hier eine Frau mit einem Holzkopf?“ Ich verstehe ihn nicht mehr so richtig. „Vielleicht gibt es die, ich hab sie aber noch nicht gesehen, vielleicht doch nur ein blöder Traum“, versuche ich die Situation zu retten.

18.12. Bis  23.12.12

Vaddi hatte neulich wieder einen riesigen Heulanfall. Er konnte sich gar nicht beruhigen. Er ist traurig und einsam. Ich habe ihn mit Bärbel zusammen besucht. Wir verabredeten uns und sind zu Fuß zum Heim. Dabei habe ich von Vaddi und auch von Muddi erzählt und wir verabredeten, uns zu duzen, denn wir sind ja angeblich Freundinnen. Er fand sie nett, hat viel und ohne Punkt und Komma erzählt und ich konnte etwas sauber machen nebenher.

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Meine Eltern werden alt – Teil 29

Meine Eltern werden alt – Teil 29

15.12.12

Muddi ist morgens vom Sofa gefallen, als sie aufstehen wollte. Ein Pfleger hat Vaddi Bescheid gesagt. Er ist zu ihr hoch, redet aber dauernd nur von „ Haltung einnehmen”, was sie nicht kann. Sie haben unten gemeinsam Mittag gegessen, Muddi im Rollstuhl.

Als man mich anrief, dass Muddi am Abend gegen 19:30 ins Krankenhaus eingeliefert wird, hab ich ihm Bescheid gesagt und ihn versucht, zu beruhigen. Er macht sich schon Sorgen um sie. Ich hatte aber nicht viel Zeit, weil ich ja zum Krankenhaus hinterher fahren wollte, um Muddi dort nicht alleine zu lassen. Sie ist in fremder Umgebung immer total ängstlich und verwirrt.

Kaum war sie da, musste sie natürlich zum Klo. „Nein, ohne Röntgen geht das nicht“, sagte man lapidar. Es interessierte auch keinen, dass Muddi bereits am Morgen hingefallen war, sie zu jeder Mahlzeit in den Rollstuhl gehievt wurde und im Heim auch schon unzählige Male auf der Toilette war. Sie jammerte und stöhnte die ganze Zeit: „ich muss so nötig, wann geht es denn los, die haben mich vergessen, ich muss so nötig.“

Ganz innen in mir schwanke ich mit meinen Gedanken zwischen: arme Muddi und, ach, sag doch einfach mal nichts. Und schon schäme ich mich für solche Gedanken. Sie hat ja recht. Sie muss mal nötig und außerdem geht’s nicht los.

Nachdem sie geröntgt wurde und sie sich auch nichts gebrochen hatte, konnte sie endlich auf einen Toilettenstuhl. Dann kam eine Schwester vorbei und sagte, ich könne Muddi jetzt wieder mit nach Hause nehmen. „Nein“, sagte ich, „sie braucht einen Krankentransport “.

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Ich kriege Muddi im Moment doch gar nicht allein ins Auto und auch nicht wieder heraus. Außerdem hatte sie gar keine lange Hose an. Und wenn ich nicht mitgefahren wäre, dann hätte man sie auch wieder zurückfahren lassen müssen. „ Das dauert dann aber“, sagte die Schwester, als ob sie es selber machen müsste. Es ging aber doch schneller, nur 6-mal fragte Muddi: „ Wann kommen die denn? Die haben mich bestimmt vergessen.“

Es ist schon nach 23 Uhr als wir zurück waren und bei Vaddi ist alles dunkel. Ich sage ihm heute nicht mehr Bescheid.

Meine Eltern werden alt – Teil 28

Meine Eltern werden alt – Teil 28

 13.12.12

Als ich um 16:45, direkt nach Feierabend zum Heim bin und erst mal bei Vaddi klingele, ist er wieder im Schlafanzug. Er will auch nicht zum Abendbrot, sagt er mir. Also hole ich erst mal einen Pulli und Hose von der 2. Seite des Doppelbetts, wo er neuerdings alle seine Sachen aus dem Schrank gelagert hat. Dabei erzählt er mir, dass er geweint hat, als er den Artikel über Abschiebung in der Zeitung gelesen hat. Ich versuche, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Er geht dann aber doch zum Abendbrot.

Über Muddi kann ich inzwischen ja nun solche schrecklichen Worte wie Demenz aussprechen. Bei Vaddi schleicht sich immer mehr das Gefühl ein, dass er an Alzheimer leidet. Aber ich mag das nicht einmal denken! Nicht meine Eltern und vor allem auf keinen Fall Vaddi. Und es merkt ja auch keiner, auch da bin ich noch ganz groß drin.

Was Vaddi vermutlich schon lange weiß und erfolgreich vertuscht hat, ich versuche seine Unzulänglichkeiten, seine Ausrutscher, die ja eigentlich immer deutlicher werden, auch zu vertuschen oder mit fadenscheinigen Ausreden zu erklären. Wem? Meinen Verwandten, denen ich eigentlich immer noch die tollsten Eltern vorführen will oder eher mir?

14.12.12.

Ich habe Vaddi eine Jogginghose und einen Joggingpulli gekauft. Ist schön kuschelig, statt Schlafanzug über Tag…

Der Heimleiter sagte mir beim Kaffee, er würde eigentlich auch viel lieber den ganzen Tag im Schlafanzug herumrennen, das sei völlig in Ordnung. Und brachte ihm ein weiteres Stück Kuchen. cake-581476__180

Für den Heimleiter vielleicht, aber für mich ist das sehr befremdlich. Schließlich hatte Vaddi immer sehr auf seine Kleidung geachtet und sonntags hat er sich auch immer ein Oberhemd angezogen. Mit Gardine um den Hals… Heute weiß er leider gar nicht mehr, welchen Wochentag wir haben.

Seine Wanduhr war stehen geblieben und ich habe die Batterien gewechselt. Als ich meinen Einkauf ausgepackt hatte, hat Vaddi plötzlich richtig losgeheult. Ich hab ihn sofort in den Arm genommen, „ist gleich vorbei“, sagt er, ist es dann auch. Ich glaube, es wird ihm immer mehr bewusst, dass er hilfebedürftig wird. Das wollte er noch nie!!!  Er hat den Jogginganzug gleich anbehalten, ich glaube, er gefällt ihm.

Ich habe den Eindruck, er möchte nicht mehr leben. Er redet ab und zu von Menschen mit Alzheimer, die sich wegen ihres Schicksals das Leben genommen haben. Gunter Sachs war einer von ihnen. Er liest ja jeden Tag die Zeitung.

Meine Eltern werden alt – Teil 27

Meine Eltern werden alt – Teil 27

Muddi hat inzwischen die Pflegestufe 2 bekommen. Sie ist wirklich nicht mehr so mobil wie früher und das Gedächtnis lässt auch ziemlich nach.

Eines Nachmittags, als ich nach meiner Arbeit bei Vaddi war, berichtete er ganz aufgeregt, dass er heute Morgen nicht zum Frühstück konnte. „Warum denn nicht“? fragte ich. „Ich war eingeschlossen“, sagte er aufgeregt. Die Türe war aber jetzt auf. Er sagte, dass einer von der Küche oder sonst jemand hier war und hat bei ihm aufgeschlossen, um nach ihm zu sehen, weil er nicht beim Frühstück war. ( funktioniert also doch…) Und richtig, es steckte von innen kein Schlüssel im Schloss, wie sonst. Also überlegte ich und durchwühlte seine gestern getragenen Hosen. Siehe da, in einer Tasche steckte der Schlüssel. Er hatte am Abend seine Tür von innen abgeschlossen und den Schlüssel einfach in die Hosentasche gesteckt.

Wenn er seine Wohnung verlässt, sage ich ihm immer, er solle den Schlüssel in seine Hosentasche stecken. Er hat ihn nämlich schon mal auf dem Essenstisch liegen gelassen, oder irgendwo bei Muddi in ihrer Wohnung und dann ist vor seiner Haustüre die Panik groß, wenn er den Schlüssel nicht dabei hat und nicht mehr weiß, wo er sein könnte. Aber von innen soll er ihn bitte ins Schloss stecken.

Der ambulante Pflegedienst kommt ja immer mit ihrem eigenen Schlüssel in Vaddis Wohnung und er wird dann geweckt. Wenn dann die Tabletten gegeben und vielleicht an einem der 2 Tage in der Woche auch noch Duschen angestanden hat und sie damit fertig sind, gehen sie wieder und schließen auch wieder zu. Niemandem ist aufgefallen, dass der Schlüssel nicht von innen steckte.

Ich bastele am Computer ein Schild für Vaddis Wohnungstür innen. Da steht drauf: „Steckt der Schlüssel?“ Den klebe ich direkt neben das Schloss.key-771643_150

Vaddi wird immer wunderlicher. Ich entschließe mich, zusammen mit dem Pflegedienst, einen Antrag auf Pflegestufe zu stellen. Dann bekommt man wenigsten die kleine und große Körperpflege bezahlt, die nun bei Vaddi nötig wird. Er wäscht sich nicht mehr alleine und diese Dienste werden zurzeit noch privat bezahlt.

Wir bezweifeln allerdings, dass wir damit durchkommen. Vaddi ist noch sehr mobil und außerdem wird er sich gerade bei diesem Besuch sehr anstrengen, den Leuten vorzumachen, wie toll er noch ist. Ich versuche, Vaddi zu erklären, dass er sich dann aber wirklich nicht anstrengen soll, lieber soll er sagen, er könne gar nichts mehr alleine. Ob er das verstanden hat?

Also habe ich wieder angefangen, ein fast tägliches, stichwortartiges Tagebuch über Vaddi zu schreiben, damit ich beim MDK auch was erzählen kann.

Meine Eltern werden alt – Teil 26

Meine Eltern werden alt – Teil 26

 

Ich habe eine nette Dame gefunden, Bärbel heißt sie, die stundenweise zu Vaddi gehen will, um sich seine Geschichten anzuhören, die ich nun explizit schon kenne. Für Geld natürlich. Ich will sie demnächst Vaddi als eine Freundin von mir vorstellen. Er soll ja nicht merken, dass das Ganze   arrangiert ist. Dadurch kann ich auch ab und zu bei ihm sauber machen, was ganz schön nötig ist.

Im November ist mir Vaddi ziemlich auf den Nerv gegangen. Ich kann diese dunkle Zeit auch nicht gut vertragen, auch Claus leidet und außerdem sind alle möglichen Leute auf meiner Arbeitsstelle krank, sodass man immer wieder gerne uns Teilzeitkräfte heranzieht. Kurz gesagt, ich musste mehr arbeiten, sprich, ich habe weniger Zeit für Claus und die Eltern.

Ende November, ich konnte bei der Arbeit etwas früher gehen als normal, war das Wetter schön. Ich will heute erst zu Vaddi, aber er erzählt mal wieder die Geschichte von vor einem halben Jahr, als Muddi was auch immer gemacht hatte. Am liebsten hätte ich ihn angeschrien: „Lass mich doch mit eurem Kram in Ruhe, geh mir nicht auf die Nerven, du kotzt mich an! Du und Muddi, verdammt noch mal!!!“

Hab ich aber nicht gemacht! Nicht mal Ansatzweise! Gott sei Dank, denn heute würde ich bekloppt, hätte ich das gemacht. Aber stattdessen hab ich trotzdem nicht lange gefackelt. Kaum hatte er angefangen zu reden, herrschte ich ihn an: „Zieh dich an, was Warmes, wir müssen los!“

Er schaute mich ganz verdutzt an. „Wohin?“ fragte er. „Wirste schon sehen“ raunte ich ihn an. Ich hatte ja selber keine Ahnung. Weiterlesen

Meine Eltern werden alt – Teil 25

 

Meine Eltern werden alt – Teil 25

 

Also ist Vaddi wieder zu Hause, mit einem Haufen von Medikamenten. Im Krankenhaus wurde ich bei der Aufnahme gefragt, welchen Hausarzt er denn habe. „Keinen“, musste ich sagen. Er ist bis dahin, trotz aller Überredungsversuchen, immer noch nicht zum Arzt gewesen.

„Brauch ich nicht!“ sagte er immer wieder, „ mir geht’s gut!“

Allerdings hat er, als er wohl nach seinem Hausarzt gefragt wurde, spontan den Hausarzt von Muddi angegeben. Den kennt er ja, denn er ist oft auf dem Flur, wenn er Muddi abgeholt hat, ihrem Hausarzt begegnet und er wurde auch immer neben Muddi extra von ihm begrüßt. Der Hausarzt und ich hofften, dass wir so Vaddi vom Arztbesuch überzeugen könnten.

 

Claus und ich haben nun doch einen ambulanten Pflegedienst beauftragt, um die erforderliche Medikamenteneinnahme zu überwachen und 3-mal tägliches Blutdruckmessen. Da hatte ich ja   einen Grund für den Pflegedienst, den ich Vaddi und mir erklären konnte.

Unzählige Schreiben mit der Krankenkasse erfolgten. Dort sah man die Notwendigkeit des Blutdruckmessens überhaupt nicht ein. Und die Medikamente könne er doch auch einmal am Tag gestellt bekommen. Einmal am Tag, das wollen sie bezahlen, aber nicht das Blutdruckmessen. Claus hatte schon vor dem ersten Antrittsbesuch des Pflegedienstes aus der Apotheke einen Wochenkasten für Medikamente gekauft. Eigentlich ganz einfach, alles Schubladen für die Wochentage, immer in 4 Kästchen aufgeteilt.

Leider stellte Vaddi immer alles um. Da war plötzlich der Mittwoch vor dem Montag, manchmal lagen alle Pillen für den Tag auf einem Haufen und ich wusste nicht, welche für morgens, mittags oder abends waren. Vaddi behauptete dann „ Das hat die Schwester gemacht, oder warst du das“?

Das kann so nicht gehen. Ich übernahm dann das tägliche Blutdruckmessen, dann eben gegen die Krankenhausempfehlung nur 1 – mal am Tag, an dem Tag, an dem ich Bereitschaftsdienst hatte, auch gar nicht.

Doch mit den 3-mal täglichen Besuchen zur Medikamentengabe haben wir uns schließlich durchgesetzt. Dazu musste der Hausarzt, nun hatte er ja wirklich einen, eine Bescheinigung ausstellen, dass Vaddi an Demenz leidet. Die Krankenkasse will das so.

Mein Vater! Dement! Hoffentlich kriegt er das nicht mit, dachte ich mir.

Nachdem ich Vaddi in das Krankenhaus wegen seiner TIA gebracht habe, musste ich mir etwas einfallen lassen, wegen seiner Chipkarte. Ich weiß, wo sie liegt, in der 2. Schublade von oben. Rechts neben dem Computerplatz. Da liegt auch sein Portemonnaie mit so viel Geld, dass die Essensrechnung für den Monat bezahlt werden kann, da liegen auch beide Personalausweise, da liegt Zuviel drin, schön nach unten verpackt zwar. Aber doch Zuviel, dass ich nicht möchte, dass jemand Fremdes darauf Zugriff hat.

Also nehme ich einen Briefumschlag mit Sichtfenster, deponiere die Karte so vor das Sichtfenster, dass man die Chipkarte erkennen kann und stecke den Umschlag in das Bücherregal.

Das Sichtfenster schaut etwas heraus. So könnte man es auch telefonisch dem Rettungsdienst klar machen, wo die Karte zu finden ist. Vaddi ist von dieser Idee begeistert und zeigt sie mir in den darauffolgenden Wochen auch immer wieder. Das könnte also klappen, aber hoffentlich brauchen wir das nie mehr.

 

 

 

 

Meine Eltern werden alt – Teil 24

Meine Eltern werden alt – Teil 24

Als ich Vaddi vom Krankenhaus abholen kann, nehme ich direkt am Eingang einen Rollstuhl mit. Der Weg vom Parkplatz und durch das große Gebäude bis hin zur Stroke Unit ist lang.

Vaddi weigert sich, in den Rollstuhl hineinzusteigen. Die Schwestern sind allerdings begeistert über meine Weitsicht und erklären Vaddi, dass er sich ruhig schieben lassen soll. Auf Wiedersehen. Hier waren alle sehr nett gewesen, wirklich. Tolle Station!

Auf dem Weg zum Ausgang sagt Vaddi mir, dass meine Idee mit dem Rollstuhl gar nicht mal so schlecht gewesen wäre.

Ich lasse ihn in mein Auto einsteigen und bringe den Rollstuhl zurück. Mit Vaddi ist das ja kein Problem. Er ist nicht so ängstlich wie Muddi. Oder wenigstens zeigt er es nicht. Da er mir ziemlich gut drauf scheint, biege ich eben noch schnell in die Straße unserer neuen Wohnung ein. Claus ist jetzt da, um etwas auszumessen. Wir haben noch keine Möbel hier, aber auf der Terrasse stehen schon ein Tisch und ein paar Stühle. Das Wetter ist schön. Ich will ihm das Haus schon mal zeigen. Er ist begeistert und wir trinken etwas Wasser.

Da er noch den Verband am Handgelenk hat, wo vorher mal eine Nadel für alle Fälle steckte, mache ich das Pflaster ab. Prima. Nach 5 Minuten rinnt Blut vom Handgelenk, tropft auf seine schöne Hose. Er bekommt ja nun Blutverdünner, das hatte ich gar nicht berücksichtigt und daher hätte ich dieses Pflaster wohl besser bis morgen dran lassen sollen. Mit Küchenrolle und Malerkrepp basteln wir schnell einen neuen Verband, mehr haben wir in der leeren Wohnung nicht zur Verfügung.

Dann sage ich Vaddi, dass es jetzt zu ihm nach Hause geht und er sich dann wieder etwas Frisches anziehen kann. Er will noch schnell zur Toilette. Also gut.

Irgendwie dauert es uns etwas lange, hoffentlich ist ihm nichts passiert und wir sehen nach. Da steht Vaddi, vor dem Klo, ohne Schuhe, ohne lange Hose und fragt nach einer neuen Hose. „Ach Vaddi“, sage ich „die Hose ist bei dir zu Hause, hier haben wir nichts“. Jetzt muss der arme Mann alles wieder anziehen und ich weiß, dass ihm auch das Schuhe anziehen viel Mühe macht. Ich helfe ihm, zwar unter Protest, aber er lässt es zu. Zum ersten Mal.

Da habe ich noch nicht begriffen, dass der schöne Krankenhausaufenthalt Vaddi ordentlich zugesetzt hat. Dass er seit dem etwas durcheinander ist. Das merkt man nicht so plötzlich. Das merkt man erst etwas später.

Meine Eltern werden alt – Teil 23

Meine Eltern werden alt – Teil 23

 Wir haben schon länger keinen richtigen Urlaub gemacht, immer nur ein paar Tage, wir trauen uns nicht mehr, weit zu fahren und zu lange weg zu bleiben. Obwohl wir ja mit unserem Campingbus eigentlich immer viel unterwegs waren und es auch sehr lieben.

Aber nach diesen Feierlichkeiten fanden wir, dass wir uns eine Woche Erholung verdient hätten.

Da ich am 17. Juni Geburtstag habe, wollten wir nach Düsseldorf. Claus hatte sich schon 2 Tage vorher mit Freunden dort getroffen und ich bin mit dem Zug am 15. 6. nach.

Am 17. 6. rief ich erst bei Vaddi und dann bei Muddi an. „ Na, wie geht’s? „ „Gut“. Keinem der beiden war mein Geburtstag eingefallen. Na, was soll‘s, sie sind alt. Und die Geburtstage der Anderen haben sie ja auch schon lange vergessen, wenn ich nicht daran denken würde. Aber für mich brauche ich keine Karte schreiben, die sie mir dann verdutzt überreichen…

Als wir wieder nach Hause fuhren und in ihrem Ort  ankamen, besuchten wir erst mal die beiden, danach fuhr ich mit meinem PKW, der am Bahnhof parkte, nach Hause. Claus, der schon mal mit unserem Campingbus vorgefahren war, empfing mich mit den Worten: „Wo sind die Gummistiefel?“ „Was für Gummistiefel?“ wollte ich wissen. „Na, dann komm mal rein“, ermunterte mich Claus. Weiterlesen

Meine Eltern werden alt – Teil 22

Meine Eltern werden alt – Teil 22

Juni 2012

Am 11. Juni haben Muddi und Vaddi ihren 70. Hochzeitstag.

Früher hatten die beiden ab dem 40. Hochzeitstag solche Ereignisse immer sehr groß gefeiert. Mit Verwandten und Freunden. Wir haben uns alle immer sehr viel einfallen lassen, Sketche und Spiele, aber auch andere und musikalische Darbietungen und wir hatten alle immer sehr viel Freude daran. Da darf so ein großer Tag auch hier natürlich nicht einfach so vorbeigehen.

Schon Monate vorher plante ich, wie das Ganze ablaufen soll. Wo sollen wir feiern, wie machen wir das mit Essen und Trinken, Geschirr und Gläsern? Alles wird überlegt und schließlich mieten wir für den Tag den Mehrzweckraum im Heim. Ich muss ja an eine Behindertentoilette denken. Und vielleicht ist der ganze Tag auch zu anstrengend und sie könnten dann nach dem Mittagessen eine Mittagsstunde halten.

Auch die Betreuer machen sich so ihre Gedanken, denn allzu oft kommt so etwas hier ja auch nicht vor. Die anderen Bewohner banden 2 Kränze, die dann am Vortag von den Bewohnern mit viel Spaß an Muddis Türe und an der Türe des Mehrzweckraumes aufgehängt wurden. Alle Alten, außer Muddi, hatten Spaß und wir gaben natürlich auch einen Umtrunk aus, wie sich das gehört.

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Vaddi erzählte allen Bewohnern unermüdlich, wie er seine Frau kennengelernt hatte. Und das er sie sehr liebe. Ob ihm das alle Bewohner noch glaubten, ich weiß es nicht. Claus und ich taten jedenfalls alles dafür, dass er glaubwürdig bleibt. Schon für uns. Allein für uns. Wir brauchen diese heile Welt, wenn wir uns jetzt schon so abmühen.

2 Tage vorher war noch ein Termin mit der Presse. Die beiden Alten zeigten sich von ihrer Schokoladenseite. Es entstand daraus ein toller Bericht mit Foto in der Tageszeitung am Hochzeitstag. Wir kauften 4 Zeitungen.

Der Bürgermeister und Landrat hatten sich für ca. 11 Uhr angemeldet.

Großes Kino, aber normal! Früher kam ja auch immer der Bürgermeister und überreichte alle möglichen Urkunden, er aß und trank dann auch mit der ganzen Gesellschaft, in so einem kleinen Ort duzt man sich auch mit dem Bürgermeister.

Alle Verwandten sind gekommen, selbst die aus der Pfalz.

Edda und Roland hatten ein Leierkasten Trio engagiert. Vaddi hat ja an Leierkästen einen Narren gefressen. Es wurde dann auch im Speisesaal für die anderen Leute gespielt, danach zogen wir wieder zurück in den Mehrzweckraum.

Vaddi redete wie ein Buch, Muddi saß eigentlich da immer nur rum. Ich habe keine Ahnung, ob sie jetzt wusste, dass auch sie eine der beiden Hauptpersonen war.

Meine Eltern werden alt – Teil 21

Meine Eltern werden alt – Teil 21

April und Mai 2012

Der 95. Geburtstag von Vaddi war aufregend und schön, der Bürgermeister war da und die Frau vom Seniorenbeirat, später kamen auch die Oldenburger. Wir haben in Vaddis Wohnung Kaffee und Kuchen gehabt und alles in allem war es entspannt.

Da hatte ich ein letztes Mal bei Vaddi den Tisch aufgeräumt, damit es schön aussieht und man überhaupt etwas Platz auf dem Tisch hat. Falls wir mal Kaffeetrinken wollen, bei ihm.

Als ich eines Tages nach Feierabend bei den beiden vorbeischaute, erzählte mir Vaddi, dass die frühere Nachbarin Karin und ihr Mann aus Schleswig Holstein da waren. Ich telefoniere ja ab und zu mit Karin, mir hatte sie von einem solchen Plan nichts erzählt. Ich hätte sie doch vom Bahnhof abgeholt. Doch jetzt sind sie wieder weg. „ Du hast sie gerade eben verpasst“, sagte Vaddi.

Sie waren mit der Eisenbahn gekommen und hatten erst mal bei Vaddi geklingelt, denn er hat im Eingangsbereich eine Klingel.

Hier ist ja alles so, wie es früher bei euch war“, soll Karin gesagt haben. Stimmt ja auch, das Wohnzimmer sieht fast genauso aus. Und beim Blick ins Schlafzimmer bemerkt man sofort das Ehebett mit Muddis Häkeldecke. Sie sind dann zusammen zu Muddi hoch und auch hier soll sie die Ähnlichkeiten mit dem früheren Haus bemerkt haben. „ Da habt ihr es aber schön“. Hatten sie mir ja nicht geglaubt!

Sie sind dann zusammen in die Cafeteria, Karin und ihr Mann bekamen auch Kaffee und Kuchen und es muss wohl ein schöner Nachmittag gewesen sein.

Muddi wird immer komischer, sie streitet sich mit Vaddi, ruckelt am Rollator, steht bei ihm vor der Türe, kann sich aber eigentlich gar nicht recht erinnern. Sie ist dement. 

Vaddi begreift das nicht mehr, er ist auch alt und rechthaberisch.

Eines Tages dann ereignete sich folgendes:

Ich hatte Claus überredet, mitzukommen, ins Altersheim, weil dort heute Maibaumaufstellen war.

Sie waren um 17 Uhr noch nicht in der Cafeteria, wo das Fest stattfinden soll, also sind wir zu Muddi hoch. Eine von den Betreuerinnen bat uns, die 2 runterzubringen, dann brauchen sie das nicht. Ja klar, dafür waren wir ja gekommen…

Muddi war durch den Wind, sie hatte sich mit Vaddi gestritten, war wohl auch bei ihm, natürlich ohne Rollator, hat wohl auch an der Türe rumgeklopft, weil er nicht aufgemacht hatte.

Wir sind dann mit ihr runter zu Vaddi, der total entsetzt guckte, dass wir Muddi mitbrachten und er war völlig aus dem Häuschen. Ich bin dann erst mal mit ihm ins Schlafzimmer, er bestätigte auch Muddis Schilderung, nur ihn belastet das alles sehr, alle hätten es mitgekriegt, am liebsten würde er sich eine Plastiktüte über den Kopf ziehen, so ginge es auf jeden Fall nicht weiter! Ich erinnerte mich sofort wieder an den „Elternabend“.

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Irgendwie haben wir die 2 dann runter bekommen, an ihren Tisch, es gab Bier und Würstchen. Muddi hat keine Wurst gegessen, aber ein Glas Bier, Vaddi eine Flasche Bier, eine Wurst und eine Scheibe Brot. Es wurde der Maibaum aufgestellt, was keinen der Alten interessierte und gesungen, was viele interessierte. Warum können unsere 2 Alten nicht auch so sein, wie die anderen Alten? Haben Spaß und vertragen sich?

Claus und mir war die Lust gänzlich vergangen und wir haben uns um 20 nach 6 aus dem Staub gemacht, nachdem ich versprochen hatte, morgen mit beiden in Vaddis Wohnung Kaffee zu trinken und schnell eine Notlösungslüge für Claus zu erfinden.

Kann mir richtig vorstellen, kaum waren wir weg, will Muddi auch gehen, Vaddi natürlich auch, weil er sowieso nicht hinwollte, er wird im Aufzug auch im 1. Stock ausgestiegen sein und sie musste alleine hochfahren und irgendwann wird sie ohne Rollator bei ihm vor der Türe stehen und den Flur zusammentrommeln, weil er nicht aufmachen wird.

Was ein Scheiß Leben!!!

An Muddis 90. Geburtstag war vormittags schon der Bürgermeister da und am Nachmittag haben wir bei uns zu Hause Kaffee getrunken. Edda und Roland und alle Enkel mit ihren Familien waren da und haben Kuchen mitgebracht. Vaddi hatte sich ja den Bürgermeisterbesuch bei Muddis Geburtstag gewünscht. Bitte schön. Und natürlich werden sie 90 und 95 Jahre alt!

Es war sehr schön.

 

 

Meine Eltern werden alt – Teil 20

Meine Eltern werden alt – Teil 20

Vaddi bräuchte unbedingt Unterhaltung. Er weiß so viel und will es auch gerne loswerden. Ich suche also nach einem persönlichen Betreuer für ein paar Stunden.

Über das Internet bin ich fündig geworden und telefonierte mit dem Herren mittleren Alters. Er hat mehrere ältere Leute, mit denen er Zeit verbringt und früher hat er auch schon mal in einem Altenheim die Betreuung übernommen. Und nachher fährt er noch mit zwei älteren Herrschaften in die Stadt, und „wissen sie, die Menschen brauchen einfach Abwechslung, da bin ich schon der Richtige.“ Als er einmal Luft holte, wollte ich ihm eigentlich sagen, wer Vaddi ist und was er braucht. Aber ich war zu langsam, er hatte schon wieder mit einem neuen Monolog begonnen. Wenn ich schon nicht zu Wort komme, wie soll Vaddi dann seine Geschichten loswerden? Vaddi will erzählen, nicht zuhören! Ich habe dem Herrn dann per E-Mail abgesagt. Er hat sich auch nicht wieder gemeldet.interviewer-150450__180

Muddi ist, wie schon öfters, nachts aus dem Bett gefallen. Wahrscheinlich als sie aufstehen wollte, weil sie mal zum Klo musste. Zack, dann liegt sie und kommt nur noch mit Mühe zur Klingel. Man hat sie also auf dem Boden und mit einem blauen Rücken gefunden. Sie war zum Röntgen im Krankenhaus und hat sich Gott sei Dank nichts gebrochen. Mich hatte man nicht davon unterrichtet, obwohl ich ja darum gebeten hatte, mich anzurufen, wenn etwas passiert. Wenn sie mal wenig Hunger hat, dann sagt man mir das, jetzt aber kam kein Anruf.

Für Vaddi bemühe ich mich jetzt um einen Notrufknopf, schließlich wollen wir nächste Woche für ein paar Tage nach Sylt, verspätete Hochzeitstags Reise. Die Pflege ist ja bei ihm nicht zuständig und was ist denn eigentlich, wenn er mal beim Aufstehen hinfällt? Wer findet ihn dann? Fällt es irgendwem auf, dass er nicht zum Frühstück kommt? Ja klar, Muddi, aber versteht sie denn Jemand? Wenn sie mit ihren immer spärlicher werdenden Worten fragt, wo Vaddi ist? Oder kriegt sie dann zur Antwort, er wird schon noch kommen?

So wirklich ˂ betreutes ˃ Wohnen ist das hier auch nicht.

Wir bekommen einen Termin mit der Wachgesellschaft, man besucht Vaddi zu Hause. Natürlich geht das jetzt auch nicht ohne mich! Seit 2 Tagen hat er jetzt einen Notrufknopf. Hängt statt um seinen Hals oder Handgelenk jetzt an dem Sofa. Klappt sowieso nie…

Damit das mit dem Notruf auch alles klappt, soll ich Telefonnummern hinterlassen, bei denen die Wachgesellschaft anrufen kann, wenn ein Notruf ausgelöst wird. Ich frage im Heim nach, welche Nummer ich dann angeben kann. Nein, dafür sind sie nicht zuständig. Ich soll mal die Nummer des ambulanten Pflegedienstes angeben.

Welcher Pflegedienst? Vaddi hat keinen Pflegedienst, er macht noch alles selber, beziehungsweise ich unterstütze ihn dabei. Obwohl ich auch schon öfter darüber nachgedacht hatte, für Vaddi einen ambulanten Pflegedienst zu verpflichten. Aber wie soll ich ihm das beibringen! Das würde ja bedeuten, er sei pflegebedürftig. Ist er das wirklich? Mache ich mir da was vor? Mache ich ihm was vor?

Ich gebe also außer meiner Nummer doch die vom Heim an, die werden ihn schon nicht im Regen stehen lassen. Wenn er mich erreichen könnte, brauchten wir diesen Notrufknopf ja gar nicht.

Meine Eltern werden alt – Teil 19

Meine Eltern werden alt – Teil 19

 Vaddi erzählt. Unermüdlich. Doch ich höre ihm zu.

Als Edda und ich Kinder waren, da hatte Vaddi jeden Sonntagmorgen, wenn wir in das Ehebett schlüpfen durften, uns viele Geschichten erzählt. Das waren Geschichten vom Tautröpfchen und sie entsprangen seiner Phantasie. Unermüdlich.

Wir Kinder fanden diese Geschichten sehr spannend und konnten gar nicht genug davon bekommen. Tautröpfchen konnte denken, hatte Eltern, die Tautropfen waren und eine Familie, das war die Wolke. Und das Tautröpfchen war uns so ähnlich, stellte oft irgendeinen Blödsinn an, oft fast das Gleiche, wie wir letzte Woche und wurde immer gerettet, wenn etwas Schlimmes passierte. Weil es ja meist dann hinterher auf seine Tautropfen hörte, die viel mehr Erfahrung hatten als es selber. Dass die großen Tautropfen schon viel mehr wussten und erlebt hatten als so ein kleines Tröpfchen, das war sogar uns Kleinen klar.

„Wieso hatte Tautröpfchen denn nicht gleich auf seine Eltern gehört“, wollten wir wissen, „dann wäre es jetzt nicht vom Dach gekullert“.

„Weil Tautröpfchen so viel probieren will und meint, es schon alles richtig zu wissen“, sagte Vaddi dann. „Wir machen es aber anders“, sagte dann einer von uns Kleinen. „Los Vaddi, noch eine Geschichte, bitte!“ Und er erzählte, unermüdlich.

Allein das Wort ‚ Tautröpfchen ‚ hatten Edda und mir auch als Erwachsene noch leuchtende Augen bereitet. Zu Muddi und Vaddis 65. Hochzeitstag haben Edda und ich ein Buch gestaltet, mit Geschichten, Bildern und Illustrationen vom Tautröpfchen, das wir den beiden schenkten.

„Ach ja, das Tautröpfchen“, hatte Vaddi verträumt gesagt.

Heute erzählt er auch wieder, unermüdlich. Nicht vom Tautröpfchen, aber ich höre ihm zu. Warum sollte ich ihm jetzt nicht zuhören?

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Meine Eltern werden alt – Teil 18

Meine Eltern werden alt – Teil 18

März 2012

Da Vaddi ja auch in diesem Jahr zum HNO Arzt musste, haben wir uns auf ein Abenteuer eingelassen. Er sollte nun ein Hörgerät bekommen. Und Muddi wollten wir auch mal die Ohren sauber machen lassen, damit sie wieder besser hören kann. Also standen einige Arztbesuche an, bei Vaddi nie ein Problem, bei Muddi hatte ich ein Arrangement mit der Praxis. Sie rufen mich eine viertel Stunde, bevor sie drankäme an, dann kann ich mit ihr losfahren. Das klappte sehr gut. Beide kamen dann mit den Ergebnissen des Hörtestes zum Hörgeräteakkustiker und bekamen Abdrücke von den Ohren. Vaddi konnte ich allein in die Kabine lassen, mit Muddi musste ich natürlich mit rein.

Mehrmals mussten beide dann wieder dorthin, bis die Hörgeräte passten. Immer getrennt, versteht sich, denn mit beiden zusammen klappt das gar nicht. 2 Rollatoren oder einen Rollstuhl und noch die beiden, so groß ist mein Auto nun auch nicht. Claus übernahm dann die meiste Zeit die Arztbesuche mit Vaddi.

Das Ergebnis war, die Hörgeräte lagen nach wenigen Tagen in der Schachtel, tief in der Schublade versteckt. Gut, dass ich nicht schon mal die Großpackung Batterien bei Ebay gekauft hatte. Ich habe die Geräte dann irgendwann zum Hörgeräteakkustiker zurück gebracht. Schade eigentlich.

Heute weiß ich, denn hinterher ist man immer schlauer, dass sie mit den plötzlich auf sie einstürmenden Geräuschen nichts anfangen konnten. Muddi war sogar verängstigt davon, denn plötzlich hörte sie Geräusche im Badezimmer, die vorher nicht da waren. Wenn zum Beispiel nach dem   Toilettengang die Klospülung neues Wasser pumpte. Dann gluckert es immer. Ich kannte diese Geräusche, Muddi aber hatte sie noch nie zuvor gehört. Oder wenn Stimmen auf dem Flur zu hören waren, ich kannte das, aber die beiden blieben davon verschont, jetzt glaubten sie, es wäre Jemand in ihrer Wohnung.

Meine Eltern werden alt – Teil 17

Meine Eltern werden alt – Teil 17

Den Heilig Abend verbrachten wir mit den beiden bei uns zu Hause und am 1. Weihnachtstag fuhren wir nach Oldenburg. Alle sind gekommen. Das war dann schön. Allerdings stellte ich fest, dass Vaddi meist alleine da saß. Irgendwie ist er mit seinen ausführlichen Geschichten jedem auf den Keks gegangen, jeder versuchte, sich durch einen Vorwand davon zu schleichen.

Er tat mir natürlich leid, er ist ein alter Mann und kann sich da auch wohl nicht mehr großartig ändern. Also hörte ich mir, wie jeden Tag, seine spannenden Geschichten an, die ich natürlich alle schon kenne.

Silvester verbrachten die beiden in Muddis Wohnung. Ich habe 2 Piccolo Sekt geholt. Sie haben zusammen eine Volksmusiksendung angesehen und haben es tatsächlich bis zum Feuerwerk miteinander ausgehalten. Muddi sagte, es wäre sehr schön gewesen. Ich freue mich über solche Aussagen immer, denn da schöpfe ich Hoffnung, dass sie vielleicht auch mal wieder 1 oder 2 Tage ohne mich leben können.

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Vaddi trägt wieder die Gardine um den Hals. Ich gebe es auf.

So langsam merke ich, dass mir alles schwer fällt. Ich kann mich auf gar nichts anderes konzentrieren. Ich kaufe Unmengen von einschlägigen Büchern. Doch sie helfen mir nicht wirklich. Bei den Büchern in Romanform ist mir hinterher regelrecht schlecht. Die Leute haben ihre Mutter, Vater oder auch beide Eltern ja alle immer selber bei sich zu Hause gepflegt.

Da geht’s mir doch richtig gut, ich habe die 2 ja schon versorgt, es geht ihnen gut und sie haben die Hilfe, die sie brauchen. Bei uns hatte sich die Frage, ob wir sie bei uns Zuhause unterbringen, gar nicht erst gestellt. Weiterlesen

Meine Eltern werden alt – Teil 16

Meine Eltern werden alt – Teil 16

Vaddi trägt alltags immer einen Pullover, jedoch zieht er sich sonntags immer ein Oberhemd an. Er hat ja auch so viele und ich finde es schön, dass er darauf achtet.

Allerdings achtet er nicht wirklich auf die Jahreszeit. Im Sommer, als es richtig warm war, hatte er langärmelige Hemden an, jetzt, wo es doch schon etwas kälter geworden ist, sind die Kurzärmeligen dran. Aber er trägt ja auch immer noch eine, von Muddi selbstgestrickte Weste darüber und solange er sich nur im Haus aufhält, ist das ja auch nicht schlimm.

Ich bemerke bei ihm, dass er etwas streng riecht. Jetzt kommt Claus wieder zum Zuge. Ich denke, besser ein Mann erklärt einem Mann, dass man auch schön riechen kann.

Claus erzählt von der Tour de France. „Da sind alles verschwitzte Männer, aber sie verströmen ein angenehmes Aroma, da sie ja von ihrem Deo nach dem Duschen Gebrauch machen“, erklärt er Vaddi und präsentiert auch gleich ein neues Deo.

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Meine Eltern werden alt Teil 15

Meine Eltern werden alt Teil 15

Wenn die beiden vom Mittagessen kommen, geht Vaddi immer an den Briefkasten und holt die Post. Meist ist es nur Reklame, aber es ist etwas drin im Briefkasten. Vaddi setzt Muddi dann immer auf das Ostfriesensofa, das im Eingangsbereich steht. Muddi wird in der Zeit fast verrückt, weil sie ihren Mann für einen kurzen Augenblick nicht sehen kann. Er genießt das, glaube ich. Er genießt auch, dass er den Schlüssel hat, dass er überhaupt einen Schlüssel hat und sie nicht. Das sagt er ihr auch oft genug und ich verstehe nicht, warum er so gemein zu ihr ist. Ich verstehe sowieso nicht, was in seinem Kopf vorgeht. Ich dachte immer, er liebt sie. Und nun ist er manchmal so gemein zu ihr.

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Heute weiß ich das, es sind bereits Zeichen seiner Demenz, die er immer schon überspielt hat, die auch ich einfach nicht sehen wollte, weil Vaddi ja meine Stütze sein soll, nicht mein Problemkind. Ein Problem reicht mir. Heute weiß ich das, aber heute, das ist zu spät.

Da Muddi immer so ängstlich ist, mache ich einen Termin beim Neurologen. Vorher soll sie beim Hausarzt diesen Minimentaltest machen. Die Uhr wird abenteuerlich, auch kann sie sich wirklich gar nichts merken. Ich bin ja dabei und würde ihr am liebsten alles vorflüstern, sie schaut immer ganz ängstlich zu mir rüber. Das ist nicht so, wie bei diesen lustigen Filmen, wo der Demenzkranke noch in eine Band eintritt oder sich über den Herrn Doktor lustig macht, weil er solche Fragen stellt. Sie tut mir unendlich leid. Warum hab ich sie bloß hierher geschleppt? Weiterlesen

Meine Eltern werden alt – Teil 14

 

Meine Eltern werden alt – Teil 14

 

Muddi hat ja eine bekannte Makuladegeneration. Sie sagt immer wieder, dass sie so schlecht sehen kann. „Vielleicht stimmt meine Brille nicht mehr“, meinte sie schon öfter. Also fahren wir mit ihr zu unserem Optiker. Ihre alte Brille ist bestimmt schon ziemlich alt. Das Ganze wird ein mittleres Abenteuer.

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Muddi soll die Buchstaben und Zahlen da vorlesen. Sie begreift das nicht. Also bekommt sie einen Text aus der Zeitung.“ Ist es so besser oder schlechter?“ wird sie gefragt. Muddi liest unbeirrt den Text vor. Am Schluss kann sie ihn auswendig, denn sie liest ihn immer gleich, egal welche Stärke eingelegt ist. Schließlich bekommt sie dann eine neue Brille für viel Geld. Hoffentlich kann sie jetzt besser sehen. Weiterlesen

Meine Eltern werden alt – Teil 13

Meine Eltern werden alt – Teil 13

 

Anfang Juli wollen wir weg! In Urlaub nach Frankreich für 3 Wochen. Ich freue mich riesig, denn das haben wir uns verdient, finde ich. Muddi und Vaddi sind ja gut versorgt und es muss ja auch mal ohne mich gehen. Ich hatte sowieso nicht vor, nur weil sie jetzt ganz in unserer Nähe wohnen, dass ich jetzt jeden Tag so viele Stunden mit ihnen verbringe. Es gibt ja auch noch so was wie Privatleben. Das haben die 2 früher immer verstanden.

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Mit Vaddi hatten wir ausgemacht, dass ich ab und zu mit ihm telefonieren will.

Immer, wenn ich telefonierte, sagte Vaddi, alles sei in Ordnung. Weiterlesen

Was es sonst noch zu sagen gibt

 

Muddi und Vaddi

Unsere Eltern waren schon lange alt. Aber nicht gebrechlich. Nein, sie waren richtig tolle Alte, mit denen man noch was anfangen kann! Sie bewohnten in einem kleinen Ort ein kleines Haus zur Miete. Mit einem großen Garten, in dem ein älterer kleiner Wohnwagen als Gästezimmer stand, weil das Haus für Gäste zu klein war. Das Haus hatte nur 3 Zimmer, wobei das 3. Zimmer winzig, dafür aber das Bad und der Flur ziemlich groß waren. So im Verhältnis. Der Wohnwagen hieß Julchen 2 und alles war in Schleswig Holstein.

Niemand von uns Verwandten wohnt in Schleswig Holstein.

Muddi und Vaddi waren, wie auch ihre 4 Kinder, in Norddeutschland geboren. Sie zogen 1954 zum Niederrhein. Meine beiden älteren Geschwister sind früh gestorben. Beide waren schon verheiratet, meine Schwester hatte schon einen 6 Jahre alten Sohn, Jörn. Beide hatten einen Gehirntumor. Meine Eltern haben in dieser Zeit ziemlich viel verkraften müssen.

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Meine Eltern werden alt – Teil 12

Meine Eltern werden alt – Teil 12

 

Mir wird regelmäßig schlecht, wenn ich sehe, wie der Kontostand meiner Eltern so langsam kleiner wird, weil die Ausgaben jetzt gerade mal eben mit den Einkünften zu schaffen sind.

Sie brauchen viele neue Klamotten, denn sie haben sich zuletzt eigentlich gar nichts mehr gekauft. Die Schuhe von Muddi haben fast keine Sohlen mehr und haben Schnürbänder. Auch Vaddis Schuhe sollten ohne Schnürbänder sein, nur mit Klettverschluss zu schließen. Ich hab mich früher für die Sohlen oder Schnürbänder meiner Eltern nicht interessiert. Sie hatten die Schuhe ja schon immer an und ob es mühsam war, ist mir entgangen. Sie haben sich ja sonst immer Hilfsmittel zur Lebenserleichterung aus einem Katalog bestellt. Dann wird so etwas schon keine Mühe machen. Aber ehrlich, ich hab da nicht drauf geachtet. Weiterlesen

Meine Eltern werden alt – Teil 11

Meine Eltern werden alt – Teil 11

 

Zum 69. Hochzeitstag von Muddi und Vaddi haben sich Marie und Harry angemeldet und wir  feiern etwas in unserem Garten. Ich bin allen unendlich dankbar, dass sie uns nicht so alleine lassen.

Immer wieder sollen wir uns etwas einfallen lassen, aber so langsam wird das immer schwieriger. Es wiederholt sich ja alles. Das ist nicht mehr so wie früher, wenn wir sie besucht hatten. Da waren sie Zuhause und wir der Besuch, jetzt sind sie immer zu Besuch und fühlen sich auch so. Weiterlesen

Meine Eltern werden alt – Teil 10

Meine Eltern werden alt – Teil 10

Anfang Juni beschlossen wir, Muddi an ihrem Schnappfinger an der linken Hand operieren zu   lassen. Den Schnappfinger hat sie schon lange. Sie hatte es uns früher im alten Haus bei unseren Besuchen schon oft demonstriert, wie der Finger schnappt, wenn sie die Faust wieder aufmacht. „Das solltest du aber mal operieren lassen“, hatten wir da immer gesagt. Muddi fand das Ganze aber eher lustig.

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Jetzt allerdings schnappt der Finger nicht mehr zurück. Die Ergotherapeutin schafft es manchmal, durch gezielte Handgriffe den Finger wieder gerade zu bekommen, aber sobald sie die Faust wieder schließt, bleibt der Finger krumm bis zur nächsten Ergotherapie. Und nun bekam auch die Therapeutin den Finger nicht mehr gerade.

Dafür musste ich mit ihr erst mal zum Orthopäden. Danach direkt in die Klinik für Handchirurgie. Nur ansehen und einen Termin zur Operation ausmachen. Das Warten im Wartezimmer wird zur Geduldsprobe. „Wieso bin ich noch nicht dran?“ Ich weiß eigentlich auch immer nicht, wieso.

„ Ich muss mal“. Also gehen wir zum Klo, in der Zeit weiß ich aber nicht, ob wir schon aufgerufen worden sind. In der orthopädischen Praxis ging das ja noch, weil wir am Anmeldetresen vorbei mussten. Weiterlesen

Meine Eltern werden alt – Teil 9

 Meine Eltern werden alt – Teil 9

 

Muddis Geburtstag im Mai sind wir bei meinem Neffen Max und seiner Frau Hella in Oldenburg eingeladen. Sie hatten ein schönes Fest im Garten vorbereitet, das bombastische Wetter hatten sie gleich mitbestellt.

Wir sollten gegen 15 Uhr dort sein. Ich brauche ungefähr 40 Minuten reine Fahrtzeit.

Ich war am Vormittag natürlich schon einmal im Heim, immerhin hat Muddi heute Geburtstag und ich kann sie anschließend zum Mittagessen bringen. Jedes Geburtstagskind darf sich dort an dem Tag etwas zum Essen wünschen und es gibt auf dem schön geschmückten Tisch eine Menuekarte, nur für den jeweiligen Bewohner.

Muddi hatte sich Schnippelbohneneintopf gewünscht.

Menuekarte: Menüsymbol Illustration

Dann versprach ich, am Nachmittag wieder zu kommen, denn ich hätte eine tolle Überraschung für Muddi. Ich hatte nichts von Oldenburg gesagt. Also bin ich dann frühzeitig wieder dorthin, Claus wollte mit seinem Auto gesondert fahren, weil es in meinem PKW für 4 Personen und Rollator ein wenig unbequem ist.

Zu meiner Überraschung waren beide Eltern bereits schön angezogen, saßen oben bei Muddi in der Wohnung und Vaddi wollte los. Weiterlesen

Meine Eltern werden alt – Teil 8

Meine Eltern werden alt – Teil 8

Eines Tages bekomme ich einen Anruf aus dem Sanitätsgeschäft aus Schleswig Holstein, die uns den Rollator für Muddi gebracht hatten. Sie wollen den Rollator in den nächsten Tagen bei Muddi abholen, da die Krankenkasse befand, dass nicht sie, sondern ein Sanitätshaus, etwa 45 Kilometer von ihrem Ort entfernt, einen Vertrag mit der Kasse hat. Man verstehe mal die Krankenkassen.

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Das ist nun aber nicht so einfach, das mit dem Abholen, denn Muddi und Vaddi sind ja nun 300 KM weiter weg umgezogen. Und dem Sanitätshaus hatte ich natürlich nicht vom Umzug erzählt, da bin ich überhaupt nicht drauf gekommen.

Also bat ich um eine Rechnung und kaufte den Rollator, denn Vaddi kann eigentlich nun auch mal einen bekommen. Weiterlesen

Meine Eltern werden alt – Teil 7

Meine Eltern werden alt – Teil 7

Als ich mich neulich abends mit einem sehr netten Pfleger unterhalten habe, da sagte er mir, dass Muddi kognitive Störungen hat.

Blödmann! Das hat sie nicht! Sie ist zwar sehr vergesslich, kann auch wegen der linksseitigen   Parese ganz viele Sachen nicht, ist Stuhlinkontinent und laufen, ja das geht auch nicht mehr so gut, kann gar nicht so viel allein machen, aber kognitive Störung?

Er hat ja recht! Leider.

Wir bekommen vom Heim eine Einladung zum Angehörigentreff. Es ist am Abend um 19:30 Uhr. Claus erklärt sich sofort bereit, mitzukommen und ich melde uns an. Muddi und Vaddi besuchen wir an diesem Tag also kurz nach ihrem Abendbrot, da sitzen sie ja immer noch zusammen. Dabei erwähne ich, dass wir nachher zum Angehörigentreff gehen werden.

„Was ist das?“, fragte Vaddi. Weiterlesen

Meine Eltern werden alt. Teil 6

 

 

Ich hatte mit Muddi einen Termin bei ihrem neuen Hausarzt und ich hatte ein ausgesprochen gutes Gefühl, eine Dreiviertelstunde hat er sich Zeit genommen. Demnächst sollen wir noch nüchtern zur Blutentnahme kommen.

Ich bin von Natur aus ein Frühaufsteher. Um fünf oder halb sechs ist bei mir der Schlaf zu Ende. Einen Wecker stelle ich nur in meiner Arbeitswoche, für alle Fälle. Aber ich stelle ihn meist schon vor dem Klingeln aus. Ich stehe immer früh auf, leider auch wenn ich nicht arbeiten muss und mal länger schlafen könnte. Aber wach ist wach und im Moment gehen mir sowieso so viele Dinge durch den Kopf, sodass ich die Zeit einfach nutzen möchte.

Als Muddi den Termin zum Blutabnehmen beim Hausarzt hatte, wollte ich sie natürlich dorthin fahren. Halb acht sollten wir nüchtern dort sein. Mit Vaddi hatte ich ausgemacht, dass es eben erst um halb neun Frühstück gibt. Ich habe ihnen die letzten Tage oft beim Frühstück Gesellschaft geleistet, weil ich gerade für uns Brötchen holen wollte. Sie sind beide immer pünktlich um 8 Uhr da. Müsste nicht sein, es gäbe bis 10 Uhr Frühstück, aber das waren sie ja auch schon von früher her gewohnt. 8 Uhr Frühstück! Normal!

An diesem Tag wache ich um 8 Uhr auf! Ach du liebe Zeit! Weiterlesen

Meine Eltern werden alt. – Teil 5

Meine Eltern werden alt.  –  Teil 5

Am Umzugstag hole ich Muddi vom Heim ab und wir verabschieden uns von Edda und Roland an der alten Wohnung. Mein Mann Claus und ich fahren mit Muddi und Vaddi jeder mit einem Auto los, bevor der große Möbelwagen kommt. Wir brauchen neben Rollstuhl und 2 Rollatoren ja auch noch ein paar persönliche Sachen, bevor der Möbelwagen ausgeladen wird. Da wäre nur ein Auto viel zu klein und es soll bei dieser 3 Stundenfahrt ja auch bequem sein.

Meine Schwester Edda und ihr Mann Roland müssen den Rest nun allein bewältigen, wir wollten nicht, dass unsere 2 das Ausräumen des Hauses mit ansehen müssen.

Muddi und Vaddi werden in ihrem neuen Zuhause herzlich willkommen. Sie bekommen Kaffee, während ich die Ferienwohnung im gleichen Haus begutachte, in der ich heute mit Vaddi schlafen möchte. Edda und Roland sind am Abend nun auch angekommen und sie fahren anschließend mit Claus zu uns nach Hause. Die Möbel sollen erst am nächsten Tag ausgeladen werden.

Ich bat um einen Toilettenstuhl für Muddi in der Nacht, denn den hatte sie in der Kurzzeitpflege nachts immer neben dem Bett. Und hier muss sie durch das Wohnzimmer ins Bad, der Weg ist für sie ja ganz neu. Um 18 Uhr bekommt sie Abendbrot in der Stationsküche und wir haben uns von ihr verabschiedet.

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Meine Eltern werden alt. Teil 4

 

Meine Eltern werden alt. Teil 4

 

Wir, die Familie, suchten alle fieberhaft nach Wohnmöglichkeiten und Lösungen bei uns in der Nähe. Wir haben uns alle, zusammen und auch jeder alleine, so vieles angesehen, aber viele Möglichkeiten, die sich uns boten, die fanden wir für Muddi und Vaddi nicht passend oder viel zu teuer oder aber immer noch zu weit weg von uns.

Vaddi weigert sich stur, einem Umzug zuzustimmen. Für uns war das allerdings schon beschlossene Sache, auch für die Enkel, die sich ja auch gerne kümmern möchten. Mit Engelszungen versuchte jeder Einzelne, Vaddi von den Vorzügen eines Umzuges zu überzeugen. Allerdings gab es da diese Nachbarin, die mich damals angerufen hatte. Sie redete Vaddi immer ein, Muddi könne alles allein und könne nach Hause. Sie würde schon auf sie aufpassen. Die Nachbarin ist etwa 70 Jahre alt und ist eigentlich selber auch nicht mehr ganz gesund.

Inzwischen hatte ich eine tolle Seniorenwohnanlage gefunden. Für Muddi allein zweieinhalb Zimmer, ich konnte erst gar nicht glauben, dass es ein Pflegezimmer sein soll, und betreutes Wohnen, 2 Zimmer, Küche, Diele, Bad für Vaddi im gleichen Haus, ganz bei uns in der Nähe. Ich hatte sofort den Kontakt aufgenommen, der Platz ist für beide nun reserviert. Mal so auf Verdacht. („Wir können das aber nicht länger als 3 Wochen freihalten.“)

Plötzlich, ich hatte wie jeden Tag mit Vaddi telefoniert, war er mit einem Umzug einverstanden. Mir fiel fast der Hörer aus der Hand. 5 Tage bevor die Kurzzeitpflege aufhörte!

Nun konnte ich jetzt alle Formalitäten dafür erledigen.

Dann wieder zurück an ihren Wohnort, eine Kündigung für ihr gemietetes Haus, den Umzug von Heim zu Heim organisiert, den Möbelwagen für deren Hausstand besorgt. Mit meiner Schwester und ihrem Mann haben wir alles verpackt, was mit sollte. Ich kann bis heute nicht glauben, dass wir das alles in dieser kurzen Zeit erledigen konnten.

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Auszug aus meinem Tagebuch:

Wir durchforsten die Wohnung, was mit muss und was vielleicht weg kann.

Ich finde, es kann ziemlich viel weg. Das Ehebett der beiden hat Schubladen unten drunter. Total praktisch, da kann man doch viel unterbringen. Das Schlafzimmer ist ziemlich klein. Auf der Seite, auf der Muddi immer geschlafen hatte, steht auch der Kleiderschrank. Dadurch kann man die Schubladen nicht zur vollen Länge herausziehen. Jahrelang haben sie in den Schubladen alles Mögliche untergebracht. Immer nach vorne und was schon drin war rückte zwangsläufig weiter nach hinten. Weihnachtsutensilien, die es aber noch einmal gab und jetzt woanders lagerten, damit man sie auch wiederfand. Strickzeugs, Badeanzüge, elektrische Wärmedecken, Klamotten, die sowieso nichts mehr waren, aber man kann das ja nicht wegwerfen…

Den gesamten Inhalt haben sie bestimmt schon jahrelang nicht mehr gesehen. Ich packe alles in blaue große Müllsäcke und verschweige Vaddi, was ich damit vorhabe.

Viele Dinge habe ich später neu oder gebraucht wieder gekauft. Sie brauchten sie nicht, aber: „Wir haben da doch noch…“

 

Dann kommt der Tag des Umzuges.

Meine Eltern werden alt. Teil 3

Meine Eltern werden alt. Teil 3

Also zog Muddi erst mal in ein Heim für eine Kurzzeitpflege. In Schleswig Holstein. Ich war so oft es meine Arbeit zuließ, bei ihr. Wenn ich Zuhause war, telefonierte ich täglich mit Vaddi, auch mit Muddi und auch mit den Schwestern.

Auszug aus meinem Tagebuch:

Von den Schwestern höre ich, dass Muddi die meiste Zeit nur im Bett liegt. Dass sie immer weniger alleine kann. Und das sie auch immer weniger alleine machen will. Was ist denn da los?

Ich nehme mir also doch wieder frei auf der Arbeit und fahre wieder nach Schleswig Holstein.

Und bringe Muddi auch in ihr Haus. Die Stufen sind kaum zu bewältigen, das Klo viel zu niedrig. Sie stolpert über alle Teppiche. So geht das nicht. Wenn ich zu ihr ins Heim fahre, liegt sie nur im Bett. Davon wird das nie besser…

Als ich heute in ihr Zimmer kam, war es leer. Auch auf dem Klo war sie nicht. Ich gehe zum Schwesternzimmer. Auf dem Weg dorthin ist noch ein kleiner Raum, indem manche Leute essen oder sich aufhalten.

Dort finde ich Muddi. Sie sitzt am Tisch und hat etwas zu trinken vor sich stehen. In diesem Raum sitzen noch 3 weitere Leute. Ein Mann im Rollstuhl schläft, eine Frau weint pausenlos leise vor sich hin und eine weitere Frau spricht liebevoll mit ihren Plüschaffen und streichelt ihn. Und Muddi mittendrin.

Meine Muddi. Meine Muddi, die man ja mit den anderen Leuten hier wohl nicht vergleichen kann! So ist sie nicht, sie ist ja nicht blöde oder alt oder dement oder sowas! Muddi doch nicht!!!

Ein junger Mann von der Betreuung kommt vorbei. Er erklärt mir, dass Muddi nicht nach unten in den Speisesaal will und sie jetzt immer hier isst. Und bindet ihr ein Lätzchen um!!! Wie sieht das denn aus?

Beim Mittagessen leiste ich ihr Gesellschaft. Ich muss dabei mehrere Male den Löffel oder Gabel wieder in Richtung Essen rücken und das Lätzchen ist vollgekleckert.

Die Heimleitung sagt mir, dass sie so in dem Zustand nicht nach Hause kann und in weniger als 2 Wochen ist die Kurzzeitpflege rum. Was machen wir denn dann?

 

Uns war klar, so kann es nicht weitergehen. Wir wohnen zu weit weg. Ich bin, wenn auch nur noch halbtags, aber doch berufstätig. Ich bin mit fast 60 Jahren auch zu alt, eine neue Arbeitsstelle in ihrem Ort zu finden, wir wollen auch nicht wirklich umziehen.

Da ist die naheliegende und auch vernünftige Lösung, sie ziehen zu uns. Also in unsere Nähe.

Aber mein Vater wollte einfach nicht umziehen. „ Hier gehen wir nur mit den Füssen zuerst raus“, sagte er.

Der Weg zu ihr in die Kurzzeitpflege war für ihn auch sehr beschwerlich und, das mussten wir plötzlich feststellen, sie stritten sich andauernd.

Wo ist das Vorzeige-Liebespaar geblieben, das wir immer bewundert und dem auch nachgeeifert haben?

Die Steinerne Hochzeit hatten wir alle noch zusammen gefeiert, 67,5 Jahre!

Zu dieser Zeit hatte ich vieles noch nicht verstanden:

Muddi war krank, plötzlich völlig verändert und Vaddi konnte sich damit gar nicht abfinden. Sie soll doch bitte wieder so sein wie früher! Zum Beispiel, als sie damals, vor 30 Jahren, ihr Sprunggelenk gebrochen hatte und am nächsten Tag, zwar mit Krücken, wieder zu Hause war. Auch mit einem Schlag!

Meine Eltern werden alt Teil 2

 

Meine Eltern werden alt. Teil 2

 

Meine Eltern waren nie alt. Nicht mit 80 und 85 Jahren, nicht mit 85 und 90 Jahren.

Wenn sie mal alt sind, dann wollen sie in ein Altersheim. Und anonym beerdigt werden. Sie wollen uns keine Arbeit machen oder uns Sorgen bereiten.

Wir wohnten damals weit voneinander entfernt.

Mein Mann und ich, auch meine Schwester mit Mann und meine Neffen, wir kümmerten uns um sie, so gut es ging. Für mich und die Neffen waren es 300 km und 500 km für meine Schwester, die wir zurückzulegen hatten.

Wir halfen auch eher heimlich, denn ≈sie können das alles ja noch≈.

Nachdem mein Vater mit fast 91 Jahren sein Auto verkauft hatte, da durften wir gerne Blumen und Blumenerde kaufen, im Winter nahmen sie das Angebot an, sie mit Streusalz zu versorgen.

Wenn viel Schnee lag, sind wir „mal eben“ hin und haben Schnee geschippt.„Ach wie schön, das hat sicher unser Nachbar Gerd gemacht“, sagten sie dann. Wir haben es niemals richtig gestellt, wir machten das ja heimlich, noch bevor wir klingelten.

Früher haben wir ganz unbefangen mit ihnen über alles reden können.

Nachdem mein Vater die 90 überschritten hatte, wollten sie von einem Altenheim nichts mehr wissen.

Wir wollten sie ja auch gar nicht in ein Altenheim verfrachten, aber mal drüber reden, wohin, wenn es denn mal soweit ist, das wollten wir schon.

Sie hatten sich angeblich auch schon ein schön gelegenes Heim am Nord-Ostsee-Kanal ausgesucht. Ich hätte gerne einmal gewusst, wie es heißt, wo das genau ist.

„Wenn wir dann alt sind sagen wir euch Bescheid!“

Nun war er da, der Tag X. Ein Schlaganfall!

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Meine Eltern werden alt Teil 1

 

Meine Eltern werden alt Teil 1

 

Ich besuche Muddi im Altenheim, jeden Tag. Seit fast 4 Jahren. Sie erkennt mich meist, aber manchmal auch nicht. Sie kann kaum noch laufen, kann ganz schlecht sehen und dass ihr Mann, mein Vater, vor fast 2 Jahren gestorben ist, das weiß sie nur manchmal.

4 turbulente Jahre, Jahre, in denen wir lernen mussten, was Demenz und Alzheimer bedeutet. Jahre, in denen wir dieses auch in unserer Familie akzeptieren mussten, ob wir wollten oder nicht.

Es war nicht so, wie wir dachten, ja, überzeugt waren, dass meine Eltern nicht dement werden, kein Alzheimer bekommen und auch nicht pflegebedürftig werden.

Heute ist das Wetter schön, die Sonne lacht und ich will mit ihr im Rollstuhl an die frische Luft. Sie liegt, wie immer, auf dem Bett und schaut zur Decke.Manchmal hat sie auch die Augen zu und manchmal schläft sie auch tief, wenn ich komme. Aber heute ist sie wach und scheint auch gut drauf.

„Hallo Muddi, “ sage ich, „wie geht’s?“ „ Wie immer“ vernehme ich, wenn ich mich anstrenge. Denn ganze Sätze sprechen ist ihr heute nicht immer möglich. „Ich wollte mit dir nach draußen, die Sonne scheint so schön“. „Ja, geht das denn?“ fragt sie dann. Das fragt sie dann immer, als wenn wir nicht gestern und vorgestern auch draußen am Bach gesessen hätten, die Enten füttern. Als wenn wir das nicht andauernd machen würden.

Sie weiß es jetzt im Moment eben nicht mehr. Das ist so.

Ich bin nur noch traurig. Traurig, weil ich dieses Leben oder wie auch immer man so etwas bezeichnen soll, mir für sie nicht gewünscht hatte.Das hat sie einfach nicht verdient!

Sie ist so ein toller Mensch, war sie zumindest früher immer, aber auch heute ist sie immer noch ein toller Mensch, sie ist nie aggressiv, sie meckert nicht, schimpft nicht, nimmt alles so demütig hin. So, als ob sie im Gefängnis sitzt.

„ Darf ich das denn?“ fragt sie. „Natürlich darfst du das!“ Sie ist nicht im Gefängnis, sie ist hier Zuhause. Sie hat um Gottes Willen auch überhaupt keinen Grund, im Gefängnis zu sein.

Aber sie ist im Gefängnis: in ihrem eigenen Gefängnis, gefangen von der Krankheit, die Demenz heißt, gefangen von der körperlichen Beeinträchtigung, die der Schlaganfall hinterlassen hat. Gefangen in ihrem Kopf, der zwar alle Sätze denkt, der Mund sie aber nicht mehr aussprechen kann. Weiterlesen

Meine Eltern werden alt

Ich bin Hanna.

Vielleicht kennt man mich aus dem Alzheimerblog.

Dieser Blog hatte mir in der schwierigen Zeit sehr geholfen. Ich hatte oft das Gefühl, nicht allein mit meinen Sorgen, Ängsten und Nöten zu sein.

Schließlich hatte ich mich entschieden, Teile aus meinem Tagebuch auch dort zu veröffentlichen. Und ich hatte auch eine Leserschaft.

Bis zum Teil 16 wurden die Beiträge veröffentlicht, aber leider ist dieser Blog eingestellt worden.

Also werde ich an dieser Stelle einfach noch einmal von vorne anfangen. Mit dem Teil 1.