Ein Nachtrag

Liebe Leser.

Ich wollte euch das nicht vorenthalten.

Auf vielfachen Wunsch hin gibt es mein Buch “ Neunzehn Achtel Oma und Opa “ nun auch als ebook Ausgabe. Ich kann schon verstehen, dass sich einige Leute nicht mehr so gerne mit gedruckten Büchern die Regale vollstellen wollen. Obwohl mir selber ja ein gedrucktes Buch immer noch lieber ist, aber so ist ein Jeder anders.

 

Zu erhalten beim Buchhändler eurer Wahl.

Ich wünsche euch allen ein schönes 2017

eure Hanna

Meine Eltern werden alt – Teil 29

Meine Eltern werden alt – Teil 29

15.12.12

Muddi ist morgens vom Sofa gefallen, als sie aufstehen wollte. Ein Pfleger hat Vaddi Bescheid gesagt. Er ist zu ihr hoch, redet aber dauernd nur von „ Haltung einnehmen”, was sie nicht kann. Sie haben unten gemeinsam Mittag gegessen, Muddi im Rollstuhl.

Als man mich anrief, dass Muddi am Abend gegen 19:30 ins Krankenhaus eingeliefert wird, hab ich ihm Bescheid gesagt und ihn versucht, zu beruhigen. Er macht sich schon Sorgen um sie. Ich hatte aber nicht viel Zeit, weil ich ja zum Krankenhaus hinterher fahren wollte, um Muddi dort nicht alleine zu lassen. Sie ist in fremder Umgebung immer total ängstlich und verwirrt.

Kaum war sie da, musste sie natürlich zum Klo. „Nein, ohne Röntgen geht das nicht“, sagte man lapidar. Es interessierte auch keinen, dass Muddi bereits am Morgen hingefallen war, sie zu jeder Mahlzeit in den Rollstuhl gehievt wurde und im Heim auch schon unzählige Male auf der Toilette war. Sie jammerte und stöhnte die ganze Zeit: „ich muss so nötig, wann geht es denn los, die haben mich vergessen, ich muss so nötig.“

Ganz innen in mir schwanke ich mit meinen Gedanken zwischen: arme Muddi und, ach, sag doch einfach mal nichts. Und schon schäme ich mich für solche Gedanken. Sie hat ja recht. Sie muss mal nötig und außerdem geht’s nicht los.

Nachdem sie geröntgt wurde und sie sich auch nichts gebrochen hatte, konnte sie endlich auf einen Toilettenstuhl. Dann kam eine Schwester vorbei und sagte, ich könne Muddi jetzt wieder mit nach Hause nehmen. „Nein“, sagte ich, „sie braucht einen Krankentransport “.

emergency-ambulance-306183__180

Ich kriege Muddi im Moment doch gar nicht allein ins Auto und auch nicht wieder heraus. Außerdem hatte sie gar keine lange Hose an. Und wenn ich nicht mitgefahren wäre, dann hätte man sie auch wieder zurückfahren lassen müssen. „ Das dauert dann aber“, sagte die Schwester, als ob sie es selber machen müsste. Es ging aber doch schneller, nur 6-mal fragte Muddi: „ Wann kommen die denn? Die haben mich bestimmt vergessen.“

Es ist schon nach 23 Uhr als wir zurück waren und bei Vaddi ist alles dunkel. Ich sage ihm heute nicht mehr Bescheid.

Meine Eltern werden alt – Teil 25

 

Meine Eltern werden alt – Teil 25

 

Also ist Vaddi wieder zu Hause, mit einem Haufen von Medikamenten. Im Krankenhaus wurde ich bei der Aufnahme gefragt, welchen Hausarzt er denn habe. „Keinen“, musste ich sagen. Er ist bis dahin, trotz aller Überredungsversuchen, immer noch nicht zum Arzt gewesen.

„Brauch ich nicht!“ sagte er immer wieder, „ mir geht’s gut!“

Allerdings hat er, als er wohl nach seinem Hausarzt gefragt wurde, spontan den Hausarzt von Muddi angegeben. Den kennt er ja, denn er ist oft auf dem Flur, wenn er Muddi abgeholt hat, ihrem Hausarzt begegnet und er wurde auch immer neben Muddi extra von ihm begrüßt. Der Hausarzt und ich hofften, dass wir so Vaddi vom Arztbesuch überzeugen könnten.

 

Claus und ich haben nun doch einen ambulanten Pflegedienst beauftragt, um die erforderliche Medikamenteneinnahme zu überwachen und 3-mal tägliches Blutdruckmessen. Da hatte ich ja   einen Grund für den Pflegedienst, den ich Vaddi und mir erklären konnte.

Unzählige Schreiben mit der Krankenkasse erfolgten. Dort sah man die Notwendigkeit des Blutdruckmessens überhaupt nicht ein. Und die Medikamente könne er doch auch einmal am Tag gestellt bekommen. Einmal am Tag, das wollen sie bezahlen, aber nicht das Blutdruckmessen. Claus hatte schon vor dem ersten Antrittsbesuch des Pflegedienstes aus der Apotheke einen Wochenkasten für Medikamente gekauft. Eigentlich ganz einfach, alles Schubladen für die Wochentage, immer in 4 Kästchen aufgeteilt.

Leider stellte Vaddi immer alles um. Da war plötzlich der Mittwoch vor dem Montag, manchmal lagen alle Pillen für den Tag auf einem Haufen und ich wusste nicht, welche für morgens, mittags oder abends waren. Vaddi behauptete dann „ Das hat die Schwester gemacht, oder warst du das“?

Das kann so nicht gehen. Ich übernahm dann das tägliche Blutdruckmessen, dann eben gegen die Krankenhausempfehlung nur 1 – mal am Tag, an dem Tag, an dem ich Bereitschaftsdienst hatte, auch gar nicht.

Doch mit den 3-mal täglichen Besuchen zur Medikamentengabe haben wir uns schließlich durchgesetzt. Dazu musste der Hausarzt, nun hatte er ja wirklich einen, eine Bescheinigung ausstellen, dass Vaddi an Demenz leidet. Die Krankenkasse will das so.

Mein Vater! Dement! Hoffentlich kriegt er das nicht mit, dachte ich mir.

Nachdem ich Vaddi in das Krankenhaus wegen seiner TIA gebracht habe, musste ich mir etwas einfallen lassen, wegen seiner Chipkarte. Ich weiß, wo sie liegt, in der 2. Schublade von oben. Rechts neben dem Computerplatz. Da liegt auch sein Portemonnaie mit so viel Geld, dass die Essensrechnung für den Monat bezahlt werden kann, da liegen auch beide Personalausweise, da liegt Zuviel drin, schön nach unten verpackt zwar. Aber doch Zuviel, dass ich nicht möchte, dass jemand Fremdes darauf Zugriff hat.

Also nehme ich einen Briefumschlag mit Sichtfenster, deponiere die Karte so vor das Sichtfenster, dass man die Chipkarte erkennen kann und stecke den Umschlag in das Bücherregal.

Das Sichtfenster schaut etwas heraus. So könnte man es auch telefonisch dem Rettungsdienst klar machen, wo die Karte zu finden ist. Vaddi ist von dieser Idee begeistert und zeigt sie mir in den darauffolgenden Wochen auch immer wieder. Das könnte also klappen, aber hoffentlich brauchen wir das nie mehr.

 

 

 

 

Meine Eltern werden alt – Teil 24

Meine Eltern werden alt – Teil 24

Als ich Vaddi vom Krankenhaus abholen kann, nehme ich direkt am Eingang einen Rollstuhl mit. Der Weg vom Parkplatz und durch das große Gebäude bis hin zur Stroke Unit ist lang.

Vaddi weigert sich, in den Rollstuhl hineinzusteigen. Die Schwestern sind allerdings begeistert über meine Weitsicht und erklären Vaddi, dass er sich ruhig schieben lassen soll. Auf Wiedersehen. Hier waren alle sehr nett gewesen, wirklich. Tolle Station!

Auf dem Weg zum Ausgang sagt Vaddi mir, dass meine Idee mit dem Rollstuhl gar nicht mal so schlecht gewesen wäre.

Ich lasse ihn in mein Auto einsteigen und bringe den Rollstuhl zurück. Mit Vaddi ist das ja kein Problem. Er ist nicht so ängstlich wie Muddi. Oder wenigstens zeigt er es nicht. Da er mir ziemlich gut drauf scheint, biege ich eben noch schnell in die Straße unserer neuen Wohnung ein. Claus ist jetzt da, um etwas auszumessen. Wir haben noch keine Möbel hier, aber auf der Terrasse stehen schon ein Tisch und ein paar Stühle. Das Wetter ist schön. Ich will ihm das Haus schon mal zeigen. Er ist begeistert und wir trinken etwas Wasser.

Da er noch den Verband am Handgelenk hat, wo vorher mal eine Nadel für alle Fälle steckte, mache ich das Pflaster ab. Prima. Nach 5 Minuten rinnt Blut vom Handgelenk, tropft auf seine schöne Hose. Er bekommt ja nun Blutverdünner, das hatte ich gar nicht berücksichtigt und daher hätte ich dieses Pflaster wohl besser bis morgen dran lassen sollen. Mit Küchenrolle und Malerkrepp basteln wir schnell einen neuen Verband, mehr haben wir in der leeren Wohnung nicht zur Verfügung.

Dann sage ich Vaddi, dass es jetzt zu ihm nach Hause geht und er sich dann wieder etwas Frisches anziehen kann. Er will noch schnell zur Toilette. Also gut.

Irgendwie dauert es uns etwas lange, hoffentlich ist ihm nichts passiert und wir sehen nach. Da steht Vaddi, vor dem Klo, ohne Schuhe, ohne lange Hose und fragt nach einer neuen Hose. „Ach Vaddi“, sage ich „die Hose ist bei dir zu Hause, hier haben wir nichts“. Jetzt muss der arme Mann alles wieder anziehen und ich weiß, dass ihm auch das Schuhe anziehen viel Mühe macht. Ich helfe ihm, zwar unter Protest, aber er lässt es zu. Zum ersten Mal.

Da habe ich noch nicht begriffen, dass der schöne Krankenhausaufenthalt Vaddi ordentlich zugesetzt hat. Dass er seit dem etwas durcheinander ist. Das merkt man nicht so plötzlich. Das merkt man erst etwas später.

Meine Eltern werden alt – Teil 23

Meine Eltern werden alt – Teil 23

 Wir haben schon länger keinen richtigen Urlaub gemacht, immer nur ein paar Tage, wir trauen uns nicht mehr, weit zu fahren und zu lange weg zu bleiben. Obwohl wir ja mit unserem Campingbus eigentlich immer viel unterwegs waren und es auch sehr lieben.

Aber nach diesen Feierlichkeiten fanden wir, dass wir uns eine Woche Erholung verdient hätten.

Da ich am 17. Juni Geburtstag habe, wollten wir nach Düsseldorf. Claus hatte sich schon 2 Tage vorher mit Freunden dort getroffen und ich bin mit dem Zug am 15. 6. nach.

Am 17. 6. rief ich erst bei Vaddi und dann bei Muddi an. „ Na, wie geht’s? „ „Gut“. Keinem der beiden war mein Geburtstag eingefallen. Na, was soll‘s, sie sind alt. Und die Geburtstage der Anderen haben sie ja auch schon lange vergessen, wenn ich nicht daran denken würde. Aber für mich brauche ich keine Karte schreiben, die sie mir dann verdutzt überreichen…

Als wir wieder nach Hause fuhren und in ihrem Ort  ankamen, besuchten wir erst mal die beiden, danach fuhr ich mit meinem PKW, der am Bahnhof parkte, nach Hause. Claus, der schon mal mit unserem Campingbus vorgefahren war, empfing mich mit den Worten: „Wo sind die Gummistiefel?“ „Was für Gummistiefel?“ wollte ich wissen. „Na, dann komm mal rein“, ermunterte mich Claus. Weiterlesen

Meine Eltern werden alt – Teil 16

Meine Eltern werden alt – Teil 16

Vaddi trägt alltags immer einen Pullover, jedoch zieht er sich sonntags immer ein Oberhemd an. Er hat ja auch so viele und ich finde es schön, dass er darauf achtet.

Allerdings achtet er nicht wirklich auf die Jahreszeit. Im Sommer, als es richtig warm war, hatte er langärmelige Hemden an, jetzt, wo es doch schon etwas kälter geworden ist, sind die Kurzärmeligen dran. Aber er trägt ja auch immer noch eine, von Muddi selbstgestrickte Weste darüber und solange er sich nur im Haus aufhält, ist das ja auch nicht schlimm.

Ich bemerke bei ihm, dass er etwas streng riecht. Jetzt kommt Claus wieder zum Zuge. Ich denke, besser ein Mann erklärt einem Mann, dass man auch schön riechen kann.

Claus erzählt von der Tour de France. „Da sind alles verschwitzte Männer, aber sie verströmen ein angenehmes Aroma, da sie ja von ihrem Deo nach dem Duschen Gebrauch machen“, erklärt er Vaddi und präsentiert auch gleich ein neues Deo.

liquid-soap-154014_960_720

Weiterlesen

Meine Eltern werden alt – Teil 10

Meine Eltern werden alt – Teil 10

Anfang Juni beschlossen wir, Muddi an ihrem Schnappfinger an der linken Hand operieren zu   lassen. Den Schnappfinger hat sie schon lange. Sie hatte es uns früher im alten Haus bei unseren Besuchen schon oft demonstriert, wie der Finger schnappt, wenn sie die Faust wieder aufmacht. „Das solltest du aber mal operieren lassen“, hatten wir da immer gesagt. Muddi fand das Ganze aber eher lustig.

026.JPG

Jetzt allerdings schnappt der Finger nicht mehr zurück. Die Ergotherapeutin schafft es manchmal, durch gezielte Handgriffe den Finger wieder gerade zu bekommen, aber sobald sie die Faust wieder schließt, bleibt der Finger krumm bis zur nächsten Ergotherapie. Und nun bekam auch die Therapeutin den Finger nicht mehr gerade.

Dafür musste ich mit ihr erst mal zum Orthopäden. Danach direkt in die Klinik für Handchirurgie. Nur ansehen und einen Termin zur Operation ausmachen. Das Warten im Wartezimmer wird zur Geduldsprobe. „Wieso bin ich noch nicht dran?“ Ich weiß eigentlich auch immer nicht, wieso.

„ Ich muss mal“. Also gehen wir zum Klo, in der Zeit weiß ich aber nicht, ob wir schon aufgerufen worden sind. In der orthopädischen Praxis ging das ja noch, weil wir am Anmeldetresen vorbei mussten. Weiterlesen

Meine Eltern werden alt Teil 2

 

Meine Eltern werden alt. Teil 2

 

Meine Eltern waren nie alt. Nicht mit 80 und 85 Jahren, nicht mit 85 und 90 Jahren.

Wenn sie mal alt sind, dann wollen sie in ein Altersheim. Und anonym beerdigt werden. Sie wollen uns keine Arbeit machen oder uns Sorgen bereiten.

Wir wohnten damals weit voneinander entfernt.

Mein Mann und ich, auch meine Schwester mit Mann und meine Neffen, wir kümmerten uns um sie, so gut es ging. Für mich und die Neffen waren es 300 km und 500 km für meine Schwester, die wir zurückzulegen hatten.

Wir halfen auch eher heimlich, denn ≈sie können das alles ja noch≈.

Nachdem mein Vater mit fast 91 Jahren sein Auto verkauft hatte, da durften wir gerne Blumen und Blumenerde kaufen, im Winter nahmen sie das Angebot an, sie mit Streusalz zu versorgen.

Wenn viel Schnee lag, sind wir „mal eben“ hin und haben Schnee geschippt.„Ach wie schön, das hat sicher unser Nachbar Gerd gemacht“, sagten sie dann. Wir haben es niemals richtig gestellt, wir machten das ja heimlich, noch bevor wir klingelten.

Früher haben wir ganz unbefangen mit ihnen über alles reden können.

Nachdem mein Vater die 90 überschritten hatte, wollten sie von einem Altenheim nichts mehr wissen.

Wir wollten sie ja auch gar nicht in ein Altenheim verfrachten, aber mal drüber reden, wohin, wenn es denn mal soweit ist, das wollten wir schon.

Sie hatten sich angeblich auch schon ein schön gelegenes Heim am Nord-Ostsee-Kanal ausgesucht. Ich hätte gerne einmal gewusst, wie es heißt, wo das genau ist.

„Wenn wir dann alt sind sagen wir euch Bescheid!“

Nun war er da, der Tag X. Ein Schlaganfall!

Weiterlesen