Meine Eltern werden alt – Teil 45

Meine Eltern werden alt  – Teil 45

Gestern hatte ich Bereitschaftsdienst und bin heute gleich um 9 Uhr hin. Die ganze Zeit überlege ich, bei wem ich anfangen soll. Die Entscheidung fällt in der Stationsküche, wo ich, für wen auch immer jetzt, einen Saft hole.

Bei Muddi ist die Tür auf, ich höre eine Schwester, die Muddi scheinbar aufs Sofa gebracht hat, sie schlägt Fernsehen vor, das könne sie ja so sehen.

Also fange ich bei Vaddi an.

Er sitzt auf dem Sofa, ist wach und sagt: „Da bist du ja endlich!“

Ich erkläre, dass ich direkt von der Arbeit zu ihm gekommen sei.

„???“

Er erzählt mir, dass er 2 Stunden seit dem Frühstück herumgewandert ist, weil er gesucht hat.

„Was hast du denn gesucht?“

„Dich!!!“

Scheinbar verwechselt er mich gerade mit Muddi.

„Hier hängen die einfach die Bilder und die Bremer Stadtmusikanten irgendwohin. Und diese Dinge hängen alle komisch und andauernd hängen sie sie woanders hin und ständig werde ich in die andere Richtung geschickt.“

Er müsse sich jetzt auch ausruhen und schläft mitten in einem Satz ein.

Ich räume das Zimmer etwas auf. Als er wach wird, nach etwa 2 Minuten, soll ich mich sofort neben ihn setzen.

Jetzt merkt er wieder, wer ich bin.

Vaddi erzählt das alles noch mal, ein wenig anders zwar, aber er hatte auf seiner Wanderung irgendwo gefragt, ob man was dagegen hätte, wenn er hier zum Klo ginge.

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Da hätte man aber etwas dagegen gehabt und wenn er jetzt in die Hose macht, dann schämt er sich. Und ständig schicken die ihn woanders hin. Und dann sei er bei Muddi gewesen, aber die war nicht im Bett, er habe extra die Bettdecke hochgehoben, aber da war keiner und auch gar kein Bett….

„Wo bin ich denn hier? Und wieso ist Muddi nicht hier?“

Ich erkläre, dass sie ja 2 verschiedene Wohnungen haben und er tippt sich auf die Stirn und sagt: „das ist die Lösung!“

Ich rede Vaddi ein, dass es nicht schlimm sei, wenn er ein wenig durcheinander wäre.

„Ein wenig??? „ sagt er.

Er scheint im Augenblick völlig klar, will zum Klo und ich beziehe sein Bett neu. Als er zurückkommt, zeige ich es ihm lieber mal, nicht dass er denkt, es wäre ein anderes Bett. (Ich kann aber auch nicht ausschließen, dass er es nachher denkt.)

Irgendwie eise ich mich dann von ihm los, bringe die Wäsche ins Auto und wandere zu Muddi. Die liegt aber wieder im Bett. Wir stehen auf, sie nimmt etwas vom Obstsalat, den ich in der Küche für sie mitbekommen habe und trinkt gerne das Glas Saft

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Wir rufen bei ihrer Schwester Marie an, ich berichte Muddi von Vaddis Alzheimerverwandlung, damit sie sich nicht wundert, wenn sie das mal sehen sollte, mache ihre Fingernägel sauber und dann will sie ins Bett bis zum Mittagessen. Ich hab auch keine Lust mehr, andauernd stöhnt sie so gelangweilt neben mir (so wie sie es immer bei Vaddi getan hat, wenn er dasselbe geredet hat, jetzt tue ich es scheinbar auch…)

Vaddi kommt mir schon an der Ecke entgegen. Es ist kurz vor halb zwölf. Ich sage, dass ich noch was in seine Wohnung bringe und dann noch unten Tschüss sagen will.

In seiner Wohnung räume ich das Sofa auf, denn der gesamte Mist, der auf dem kleinen Tisch war, liegt jetzt auf seinem Sofa, Platz zum Sitzen gäbe es nur noch auf dem leeren Tisch.

Gott, ist das alles gruselig!

Ich sage Vaddi dann noch auf Wiedersehen, er ist noch alleine unten. „Die anderen werden schon noch kommen. Bis Morgen dann.“

 

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