Meine Eltern werden alt – Teil 44

Meine Eltern werden alt  – Teil 44

 Mitte Februar 2013

Gestern bin ich einfach nicht hingefahren. Ich habe stattdessen die Steuererklärung, zu der Muddi und Vaddi aufgefordert wurden, für die beiden gemacht und im Finanzamt abgegeben.

Ich habe aber trotzdem die ganze Zeit ein schlechtes Gewissen gehabt. Das muss aufhören!!!

Vorgestern wusste Muddi nicht einmal mehr, ob sie beim Karnevalsfest war, dabei habe ich sie doch selber runter gefahren und zu Vaddi gesetzt.

An diesem Tag habe ich im Internet ein tolles Video gefunden. Es heißt ~ Das Leben, eine Geschichte zum Nachdenken ~. Es hat eine sehr schöne Musik. Mir kommen sofort die Tränen, als ich den dazugehörigen Text lese.

Ich schneide ja gerne immer solche Filme von früher auf dem Computer, ich habe fast alle Super 8 Filme von Vaddi neu aufgenommen und mit Musik und – oder Geräuschen versehen.

Jetzt übernehme ich diesen Text und Musik und spiele eigene Bilder von Muddi und Vaddi auf. Und heule erst mal eine Runde.

 ~ Wenn ich nicht mehr so gut laufen kann, dann nimm mich bei den Händen und halte mich so, wie ich es früher mit dir gemacht habe, als du klein warst ~

Das mache ich gerade bei Muddi und immer wieder zuhören, das muss ich bei Vaddi.

Sehr ergreifend und es gibt mir wieder Kraft, für sie da zu sein.

Beide haben mich nicht gefragt, wieso ich gestern nicht da war. Wahrscheinlich haben die es nicht bemerkt.

Nachdem Muddis Hautklammern von ihrer Operation entfernt wurden, gehe ich mit Muddi zum Sofa, es geht schon etwas besser und wir sehen uns zusammen die “Aktuelle” an. Die hatte sie früher immer gelesen. Nach einer Seite hatte sie nicht mehr hingehört und wir machen zusammen Kreuzworträtsel. D.h. ich frage sie und sie gibt mir die Antwort. Aber das Rätsel ist zu groß und es strengt sie sichtlich an, so zu überlegen. Morgen machen wir weiter, verspreche ich. Ich lasse sie auf dem Sofa sitzen, lege die Klingel dazu und sage der Schwester Bescheid.

Dann geht’s zu Vaddi. Er sitzt im Schlafanzug auf dem Sofa, Jeans und Pullover liegen daneben. Zusammen mit mir zieht er sich um. Er erzählt mir, dass der Pfleger Jupp sich seine Zeiten auch so backen würde, wie es ihm in den Kram passt. Ich verstehe nicht was er meint und er erklärt, dass er gestern Vormittag (Jupp macht nur noch Nachtdienst…) einfach Vaddi ausgezogen hätte, zum Bett gebracht, Licht aus, Gute Nacht, jetzt wird geschlafen.

Dabei war es doch erst Nachmittag!!!

Er ist dann (am Vor – Nachmittag…) im Dunkeln wieder zum Sofa. Jupp soll ihn mal nicht für blöde erklären.

Ich habe überhaupt keine Lust mehr, die beiden zu besuchen!!!

Eine Geschichte zum Nachdenken von Tim Beuckert

Advertisements