Meine Eltern werden alt Teil 42

Meine Eltern werden alt  Teil 42

 

Ich nehme donnerstags das meiste aus Muddis Schrank im Krankenhaus schon mal mit, es ist mit der Schmutzwäsche eine große Reisetasche voll. Den Rest können die Muddi ja mitgeben, am Freitag. Da muss ich arbeiten.

Freitags nach Feierabend (ich war die Einzige, die keine Überstunden machen wollte, nette Kollegin ich…) besuche ich im Heim erst Muddi, den Hausarzt habe ich auf dem Flur kurz gesprochen, als er Muddi gerade untersucht hatte.

„ Bitte besorgen Sie für Ihre Mutter eine Gehhilfe“, sagte er. Ich verstand ihn nicht. Im Krankenhaus hatte ich ja auch schon mal solche komischen Gestelle gesehen, wo der Patient mit den Achseln draufhängt, um besser laufen zu können. Vielleicht meint er so etwas. „Nein, ihren Rollator“. Nun musste ich feststellen, dass man den Rollator vergessen hatte mitzuschicken!!!

Vaddi hatte Gott sei Dank seinen dicken Stuhlknubbel endlich ausgesch…, ich war ja heute auch mit einem Einwegklistier aus der Apotheke bestückt.

Ich hätte nie im Leben gedacht, dass mich die Ausscheidungen meiner Eltern jemals interessieren, ja, ob ich das überhaupt hätte wissen wollen, heute geht mein Leben darum, habt ihr Pippi und Groß gemacht, war es dick oder dünn, habt ihr Hunger oder Durst…

 Ich habe dann Vaddi zu Muddi gebracht, der bei ihren Anblick auf dem Sofa sofort in riesige Tränen ausgebrochen ist, er hat Muddi auf den Mund geküsst. Danach sind sie in den 3 Minuten, die ich sie allein gelassen habe, beide auf dem Sofa eingeschlafen.

Vaddi ist zum Essen runter, es hatte nicht geklappt mit dem Essen in der Stationsküche. Ohne Muddi oben essen wollte er nicht. Muddi wurde im Rollstuhl abgeholt.

 

Ich bin dann also zum Krankenhaus gefahren, um den Rollator zu holen. Keine Entschuldigung hatte ich auch erwartet, ich war froh, dass man ihn jetzt nicht noch stundenlang suchen musste. Ich bin so müde, früher hätte ich einen Aufstand gemacht, heute bin ich dankbar, dass man mich anhört (so von oben herab…)

Ich bin dann also kurz vor 19 Uhr wieder im Heim. Vaddi sitzt noch im Speisesaal. Er schläft am Tisch. Vor ihm steht eine umgedrehte Kaffeetasse, unbenutztes Besteck und ein Apfel. Er wird wach, freut sich, als er mich sieht und sagt „guten Morgen“ (Moin sagt er schon lange nicht mehr…)

Apfel

Ich frage irritiert, ob er denn noch gar nicht zu Abend gegessen hätte. Es gab auch keinen Tee mehr. „Nein“, sagt er, „aber es geht wohl gleich los.“

Die 3 Männer vom Nachbartisch waren nach eigenen Angaben satt, Vaddi war aber auch rechtzeitig dort und ich sause in die große Küche.

„Ich lasse ihren Vater doch nicht verhungern“ sagt die irritierte Heike von der Küche. „Und Obst hat er ja auch bekommen!“ Und die Kaffeetasse und das Besteck hatte sie beim Abräumen schon für morgen früh hingestellt. (Die müssen ja auch sehen, wie es weitergeht…)

Ich sage Vaddi, dass er satt sei, weil er vor 30 Minuten ja zu Abend gegessen hatte und erst morgen früh zum Frühstück wieder etwas bekäme.

Er ist mit der Antwort zufrieden, „dann gibt’s eben erst morgen wieder was“, schaut auf die Uhr (19 Uhr…) „Geht dann ja auch gleich los“, sagt er, „solange gehe ich noch eben nach oben“.

Laut singend verlässt er den Speisesaal, die 3 Männer grinsen hinter uns her…

Ich verabschiede mich schon am Aufzug im 2. Stock von ihm, ich kann einfach nicht mehr. Er freut sich, wünscht mir eine gute Fahrt nach Hause, ich soll mal alle grüßen, „ komm gut nach Hause und ruf an, wenn du angekommen bist…“

Muddi liegt bereits ausgezogen im Bett, „wer ist denn da?“ Ohne Zähne ist sie kaum zu verstehen. Ich stelle den Rollator ab, wünsche eine gute Nacht und kaufe anschließend eine Kiste Jeverbier für Claus und mich.

Es ist ja Wochenende!!!

 

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