Meine Eltern werden alt – Teil 40

Meine Eltern werden alt – Teil 40

Als ich einen Tag später kurz vor 10 Uhr im Heim ankomme, sehe ich Vaddi beim Frühstück sitzen. Er sieht mich auch sofort und winkt mir zu. Ich leiste ihm Gesellschaft, dann schleichen wir uns durch die Außentür raus, weil vorne schon Seniorenturnen ist. Daran nimmt er natürlich nicht teil. „Ich mache jeden Morgen alleine Frühgymnastik“.

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„ Ich habe endlich meinen Rollator wiedergefunden“, sagt er. Ich weiß nicht, was er meint, denn er läuft ja gerade damit.

Oben in seiner Wohnung vermisse ich allerdings seinen Rollstuhl. Der steht eigentlich immer mitten im Flur. Ich frage in der Küche nach, keiner hat ihn gesehen, aber ich sollte noch zu Sr. Kerstin. „Mach ich nachher, wenn ich zu Muddi gehe“, sage ich und keiner sagt da was drauf.

Ich gehe also erst mal anschließend zum Pflegestützpunkt, aber Sr. Kerstin ist nicht da. Ina telefoniert mit ihr und dann kriege ich gesagt, dass Muddi wieder hingefallen ist. Erschrocken bin ich erst mal zu ihr rein, sie kann das linke Bein nicht mehr bewegen. Ich ziehe ihr die Hose aus, es ist nichts dick oder blau, aber sie lokalisiert den Schmerz deutlich auf den linken Oberschenkel. Rechts geht’s gut, links verzieht sie sofort ihr Gesicht. Sie kann sich nicht mal aufsetzen, ich hole eine Schnabeltasse, damit sie etwas trinken kann.

Ich rede noch ein paar Mal mit dem Pfleger, der ihr eine Schmerztablette gibt und sich um den Hausarzt bemühen will.

Das Mittagessen füttere ich ihr, sie nimmt aber nur ein paar Bissen. Alles tut ihr weh.

In der Cafeteria finde ich Vaddis Rollstuhl. Er hatte ihn wohl als Rollator benutzt, indem er ihn geschoben hatte. Nach dem Essen stand dort in der Cafeteria nur ein Rollstuhl und er hatte den gar nicht mit sich in Verbindung gebracht. Er ist also ohne alles los, das schafft er ja auch.

Der Rollstuhl muss sofort seinen Namen bekommen, solange klebe ich etwas anderes drauf, ich muss ihn doch wiedererkennen, bei den vielen Rollstühlen, die hier so in Betrieb sind.

Vaddi sage ich noch Bescheid, ich will auf jeden Fall heute Nachmittag oder Abend noch mal wegen Muddi dahin.

Ach, was tun mir beide Eltern doch leid!!

Claus war beim Friseur und ist anschließend zu Muddi, da kam gerade der Hausarzt und hat Muddi ins Krankenhaus eingewiesen. 16:30 Uhr. Claus rief mich schnell an und ich bin natürlich mit meinem PKW hinterher.

Muddi hat den Schenkelhals gebrochen und wird schon um 19 Uhr operiert.

Und ich habe es nicht bemerkt!

Ich begleite sie noch bis vor die OP Türe und winke ihr hinterher.

Arme Muddi!

Am nächsten Morgen hatte Muddi nach eigenen Angaben gut geschlafen. Die Ärztin sagte, als sie mich sah:  „ Schauen sie, ihre Tochter ist da und bleibt den ganzen Tag“.

Wie kommt die auf eine solche absurde Idee? Ich will gerne ein paar Stunden bleiben, aber es gibt ja auch noch Vaddi. Und eigentlich gibt es auch noch mich!

 

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2 Gedanken zu “Meine Eltern werden alt – Teil 40

  1. Liebe Hanna,

    bitte sieh mein ‚Gefällt mir‘ immer als Anerkennung, dass du diese Tagebuch führst und die Öffentlichkeit daran teilhaben lässt! Du leistest damit eine ganz wichtige Aufklärungsarbeit! Immerhin wird die Anzahl der Menschen mit Demenz in unserer immer älter werdenden Gesellschaft zunehmen!

    Katrin – musikhai

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