Meine Eltern werden alt – Teil 38

 

Meine Eltern werden alt – Teil 38

23.1.13

Ich war heute zuerst bei Muddi, hole sie vom Bett runter, wo sie jetzt immer ihre Zeit verbringt. Wir erzählen und dann lese ich ihr aus dem Schilligbuch vor.

Als ich erst 6 Jahre alt war, sind wir, also unsere Familie, in den Sommerferien vom Niederrhein aus nach Schillig an die Nordsee gefahren. Mit Zelt und Fahrrädern. Edda und ich vorne auf jeweils einem Rad im Kindersitz. Wir waren 4 Wochen unterwegs. Meine älteste, damals 16 jährige und schon verstorbene Schwester hatte einen selbstgeschriebenen Reisebericht mit Fotos verfasst.

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Ihr Sohn Jörn hatte das, von uns allen längst vermisste Buch, irgendwann auf dem Dachboden seines Vaters gefunden, hatte es neu binden lassen, alles aber noch im Original. Dieses Buch hatte uns immer viel bedeutet und die Freude, die ihr Enkelsohn ihnen damals zu Weihnachten gemacht hatte, ist nicht zu überbieten. Davon hatte ich jetzt Kopien gemacht, auf eine ordentliche Größe gebracht und als Buch geheftet.

Sie kann ja kaum noch was sehen und ihr Leben ist schon langweilig.

 

Die Ergotherapeutin von Muddi berichtet mir eine Geschichte:

Während sie mit Muddi zur Übung die Flure entlang lief, setzten die beiden sich auf ein Sofa, das auf dem Flur steht, um auszuruhen. Da kam Vaddi vorbei, in Begleitung einer weiblichen Bewohnerin. Als er Muddi auf dem Sofa sah, blieb er stehen und begrüßte sie. „Guten Tag, schöne Frau. Wohnen sie auch hier? Darf ich ihnen meine Frau vorstellen?“

Muddi war beleidigt und Vaddi wusste gar nicht, was er gemacht hatte.

 

24.1.13

Vaddi hatte sich wohl den Mülleimer ans Bett gestellt, weil er nachts so oft muss. Er wollte da reinmachen. Als er dann mal aufstehen wollte, ist er in oder an den Eimer getreten und ist hingefallen. Er hat sich ordentlich die linke Rippe geprellt. Er zieht sich stückchenweise vor mir aus, ich kann alles angucken und beschmiere die Rippen, wo sich leicht blaue Flecken bilden, mit Heparinsalbe. Dann creme ich seinen Rücken und seine Arme ein (hatte ich, seit er umgezogen ist, sowieso schon länger nicht) und schaue nach, ob noch etwas blau ist. Die Füße müssen auch noch dran, sie sind so trocken, er bekommt bei dieser Gelegenheit eine Windelhose an. Füße und Beine mit Linola Fett, er genießt die Streicheleinheiten sehr. Außer der Rippenprellung kann ich nichts feststellen.

Er ist traurig, weil er mir so viel Arbeit machen würde. Ich sage ihm, dass ich es gerne mache.

Nach deren Mittagessen hole ich den anderen Toilettenstuhl, den wir bei uns Zuhause für Muddi gekauft hatten, in Vaddis Zimmer und stelle ihn  neben sein Bett. Beim Probesitzen sagt er, dass es wohl gut wird.

 

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