Meine Eltern werden alt – Teil 36

Meine Eltern werden alt – Teil 36

12.1.13

Heute kommt der Rest aus Vaddis Wohnung dran.wind-chimes-575837__180

Danach muss ich die ganzen Kleinigkeiten suchen, die er an den Wänden hatte und die ihm wichtig sind. Leider nur winzige Dinge und die hat noch jemand anderes  weggeräumt.

„ Deine Kollegen, die beim Umzug geholfen hatten, sind aber alle sehr nett gewesen”, sagt er.

Es waren seine Kinder und Enkelkinder!!!

„Dein Vater ist richtig knuffig“, sagt Sr. Britta.

Vaddi ist nicht knuffig. Ich weiß schon, dass ist so ein Ausdruck. Das ist nett und auch liebevoll gemeint. Aber Vaddi ist nicht knuffig. Vaddi ist mein Vater. Er hat mich erzogen und mich viele Jahre meines Lebens begleitet. Er war mein Vorbild, viele Sachen, die ich weiß, kann und tue, die habe ich von ihm.

Also bitte, Vaddi ist nicht knuffig! Ich sage aber nichts dazu.

 

15.1.13

Ich habe heute die vorletzten Kisten in Vaddis neue Wohnung gebracht.

MüllDer Pfleger Peter kommt mir um 7:15 Uhr aufgeregt im Flur entgegen, als ich schon mal Müll aus der alten Wohnung entsorgen wollte.

Das muss ich um diese Zeit machen, weil Vaddi mir sonst ständig an den Fersen hängt, sobald er mich sieht.assistance-990332__180

Er könne Vaddi nicht wiederfinden. Ich gebe ihm den Tipp mit  dem Speisesaal, dort ist er dann auch. Vaddi will unten warten bis es Frühstück gibt.

Der Nachtpfleger Jupp, der auch Vaddi von früher noch sehr gut kennt, hat es auch nicht geschafft, ihm beim Waschen oder Duschen zu helfen, er sei schon fertig. Die Zähne hat er geputzt, die Waschlappen sind aber trocken. Er hat sicherlich keine neue Unterwäsche an. Er hat eine Schlafanzugjacke an, aber eine richtige lange Hose. Ich suche einen schönen Pullover raus.

„Jetzt gehen wir zum Frühstück“, sagt er. Es ist jetzt viertel nach 11.

 

Er sitzt dann auf dem Sofa und erzählt wie früher ohne Punkt und Komma, diesmal von seiner Mutter. Ich hatte solche Erzählungen von ihm schon öfter. Er fragte immer, ob ich mich denn gar nicht erinnern könnte, an sein Elternhaus und seine Mutter. Seine Mutter ist schon vor seiner Hochzeit mit Muddi gestorben, ich kann sie also gar nicht kennen. Ich tue schon lange so, als würde ich sie kennen. Das beruhigt ihn, da brauch ich nicht diskutieren. Und von den vielen Erzählungen und den Bildern habe ich inzwischen auch schon das Gefühl, ich kenne sie.

Am Nachmittag bringe ich noch einmal etwas hoch. Vaddi liegt auf dem Sofa. Sonst schläft er ja immer im Sitzen und ich wecke ihn sanft auf. Ich hatte tatsächlich Angst, er würde nicht mehr atmen.

Er freut sich, dass ich da bin und will zum Mittagessen. Wir reden zusammen, also er redet und ich höre zu, wie immer. Er kann seinen Schlüssel nicht finden. Ich erkläre ihm zum wiederholten Mal, dass er keinen mehr braucht. „ Das ist gut so“ sagt er.

 

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