Meine Eltern werden alt- Teil 33

Meine Eltern werden alt- Teil 33

6.1.13

Ich hatte ja gestern Bereitschaftsdienst, also bin ich heute, gleich nach unserem schnellen Frühstück, gegen halb 10 ins Heim.

Da  heute in der Cafeteria Neujahrsbruch ist, müssen die “normalen Esser“ alle auf ihren Zimmern essen. Ich verabrede unten mit der Küche und der Schwester auf Muddis Station, dass ich für Muddi und Vaddi dann unten am Buffet das Essen hole, sie können dann gemeinsam bei Muddi essen. Bei Vaddi auf dem Tisch ist ja kein Platz mehr, er hat fast alles aus den Schränken herausgeräumt und auf dem Tisch platziert. Ich habe schon lange aufgegeben, bei ihm aufzuräumen. Er findet seine Sachen zwar trotzdem nicht, aber ich brauche nur noch auf dem Tisch zu kramen, dann habe ich gefunden, was er gerade vermisst. Eigentlich ganz praktisch, sieht nur einfach schrecklich aus.

Ich wollte erst nach Muddi sehen, wie es ihr geht, aber Vaddi kam mir oben auf dem Flur von Muddi schon entgegen. Muddi läge im Bett, es gehe ihr gut, aber bei ihm sei alles durcheinander.

Wir gehen also direkt zusammen zu ihm runter. Er geht sehr langsam, an meinen Arm eingehakt. Das kenne ich gar nicht von ihm. Sein Wohnungsschlüssel steckt von außen an seiner Tür. Ich schließe auf und stecke, so wie er das sonst immer macht oder machen sollte, den Schlüssel innen in das Schloss.

Das Springrollo vom Fenster hängt schief, ein Stuhl steht davor. „Hast du versucht, das Rollo zu richten?“ frage ich erschrocken. „Nein, dafür waren ja die ganzen Leute hier. Alle fragen mich, was los ist, aber man bekommt ja keine Antwort“, sagt er. Ich verstehe nicht, was er meint, aber er kann es mir auch nicht sagen. „Es stimmt was nicht mit meinem Kopf“ sagt er.

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Ich nutze die Gelegenheit, noch einmal mit ihm über den geplanten Umzug in die Pflege zu reden, er soll ja in Muddis Wohnung, weil Muddi auch umziehen muss, näher an den Pflegestützpunkt, damit man öfter nach Muddi sehen kann. Sie fällt zu oft hin, die Schwester ist vielleicht gerade raus, dann fällt sie und liegt vielleicht 1 Stunde, ehe es bemerkt wird. Man liegt uns mit diesem Problem schon länger in den Ohren, aber eigentlich wollte ich nicht, dass Muddi sich wieder umgewöhnen muss. Und auch sie will eigentlich nicht umziehen…

Er findet es gut, ich bin erstaunt, „ja, da sind ja alle, die ich kenne“, ist mit allem einverstanden, ist gerade völlig normal, ängstlich, hilflos und freut sich, dass ich mich so kümmere. „Denkt auch an euch, schon wieder ein Umzug, denkt an den Rücken, es gibt ja auch Hilfen…“ Ich sage ihm, dass dieser Umzug für uns wie ein Spaziergang sei…

Ich bleibe noch eine Stunde bei ihm, wir reden viel, so wie immer und er erzählt heute erstaunlicherweise nicht seine Geschichten von früher und ich habe Gelegenheit, ein paar Möbelstücke auszumessen. Dann gehe ich zu Muddi und bring sie erst mal aufs Sofa. Dort hat man ja auch die Klingel hingelegt, sie hat sich aber wieder im Schlafzimmer ins Bett gelegt, ist also ohne Klingel. (Ein Grund mehr für den Umzug…) „Ich ziehe hier nicht aus, ich will hier nicht weg, hier ist es schön“ wiederholt sie 5 Minuten lang in einer Tour und ich schlage ein neues Thema an.

Ich erkläre Muddi das mit dem Essen, decke den Tisch soweit es geht und sie ist froh, dass sie dann nicht unten essen muss. Der Weg wird für sie immer beschwerlicher. Ich will dann Vaddi, wie mit ihm verabredet, holen und sage zu Muddi, dass ich in 10 Minuten zurück bin.

Bei Vaddi im ersten Stock ist alles abgeschlossen, ich renne also die Treppe hoch, da kommen mir die 2 schon an der Türe von Muddi entgegen. Sie wollen zusammen runter, so wie sonst. Ich bringe sie wieder zurück ins Zimmer und sage erneut, dass ich das Essen holen werde, aber es noch dauert, weil ich mich ja auch erst in die Schlange einreihen muss.

So ein Sonderessen ist immer etwas Besonderes und besonders lecker und es ist auch besonders voll dort. Am Buffet werde ich von dem Küchenpersonal bevorzugt behandelt, wahrscheinlich bin ich denen schon ordentlich auf die Nerven gegangen, ich darf mich da einfach vorpfuschen und sie können endlich essen.

„Sehr lecker“, sagt Vaddi. Er lobt die Küche immer.

chef-307076__180Muddi und Vaddi sitzen sich gegenüber, ich am Kopfende, um Muddi beim Essen etwas zu helfen. Vaddi sieht mich irgendwann an und fragt mich „Wo ist Hanna, sie war doch eben noch hier”!

Ich lege meine Hand auf seinen Arm und sage, „Vaddi, ich bin doch hier“. Er sieht mich wieder an und sagt, „ ach da bist du ja.“ Der Rest des Mittags verläuft wieder wie normal, er bleibt am Tisch sitzen, Muddi ist auf dem Sofa und sieht fern und ich sage so gegen halb 2, dass ich jetzt gehen werde. „Wo gehst du denn hin? „

„Nach Hause.“

„Wo ist das?“

„Na am Erlenweg.“

„???“

„Wo Claus und ich wohnen.“

„Ach ja, Claus! Den gibt’s ja auch noch, du bist ja verheiratet, ich hatte gerade gedacht, du wohnst hier. Grüß schön. Ich gehe jetzt auch runter.“

Wir gehen dann zusammen zu seiner Wohnung und ich verabschiede mich mit meinem ewig schlechten Gewissen. Hoffentlich geht das alles gut. Der Umzug sollte so schnell wie möglich sein!!!!

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