Meine Eltern werden alt – Teil 28

Meine Eltern werden alt – Teil 28

 13.12.12

Als ich um 16:45, direkt nach Feierabend zum Heim bin und erst mal bei Vaddi klingele, ist er wieder im Schlafanzug. Er will auch nicht zum Abendbrot, sagt er mir. Also hole ich erst mal einen Pulli und Hose von der 2. Seite des Doppelbetts, wo er neuerdings alle seine Sachen aus dem Schrank gelagert hat. Dabei erzählt er mir, dass er geweint hat, als er den Artikel über Abschiebung in der Zeitung gelesen hat. Ich versuche, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Er geht dann aber doch zum Abendbrot.

Über Muddi kann ich inzwischen ja nun solche schrecklichen Worte wie Demenz aussprechen. Bei Vaddi schleicht sich immer mehr das Gefühl ein, dass er an Alzheimer leidet. Aber ich mag das nicht einmal denken! Nicht meine Eltern und vor allem auf keinen Fall Vaddi. Und es merkt ja auch keiner, auch da bin ich noch ganz groß drin.

Was Vaddi vermutlich schon lange weiß und erfolgreich vertuscht hat, ich versuche seine Unzulänglichkeiten, seine Ausrutscher, die ja eigentlich immer deutlicher werden, auch zu vertuschen oder mit fadenscheinigen Ausreden zu erklären. Wem? Meinen Verwandten, denen ich eigentlich immer noch die tollsten Eltern vorführen will oder eher mir?

14.12.12.

Ich habe Vaddi eine Jogginghose und einen Joggingpulli gekauft. Ist schön kuschelig, statt Schlafanzug über Tag…

Der Heimleiter sagte mir beim Kaffee, er würde eigentlich auch viel lieber den ganzen Tag im Schlafanzug herumrennen, das sei völlig in Ordnung. Und brachte ihm ein weiteres Stück Kuchen. cake-581476__180

Für den Heimleiter vielleicht, aber für mich ist das sehr befremdlich. Schließlich hatte Vaddi immer sehr auf seine Kleidung geachtet und sonntags hat er sich auch immer ein Oberhemd angezogen. Mit Gardine um den Hals… Heute weiß er leider gar nicht mehr, welchen Wochentag wir haben.

Seine Wanduhr war stehen geblieben und ich habe die Batterien gewechselt. Als ich meinen Einkauf ausgepackt hatte, hat Vaddi plötzlich richtig losgeheult. Ich hab ihn sofort in den Arm genommen, „ist gleich vorbei“, sagt er, ist es dann auch. Ich glaube, es wird ihm immer mehr bewusst, dass er hilfebedürftig wird. Das wollte er noch nie!!!  Er hat den Jogginganzug gleich anbehalten, ich glaube, er gefällt ihm.

Ich habe den Eindruck, er möchte nicht mehr leben. Er redet ab und zu von Menschen mit Alzheimer, die sich wegen ihres Schicksals das Leben genommen haben. Gunter Sachs war einer von ihnen. Er liest ja jeden Tag die Zeitung.

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