Meine Eltern werden alt – Teil 26

Meine Eltern werden alt – Teil 26

 

Ich habe eine nette Dame gefunden, Bärbel heißt sie, die stundenweise zu Vaddi gehen will, um sich seine Geschichten anzuhören, die ich nun explizit schon kenne. Für Geld natürlich. Ich will sie demnächst Vaddi als eine Freundin von mir vorstellen. Er soll ja nicht merken, dass das Ganze   arrangiert ist. Dadurch kann ich auch ab und zu bei ihm sauber machen, was ganz schön nötig ist.

Im November ist mir Vaddi ziemlich auf den Nerv gegangen. Ich kann diese dunkle Zeit auch nicht gut vertragen, auch Claus leidet und außerdem sind alle möglichen Leute auf meiner Arbeitsstelle krank, sodass man immer wieder gerne uns Teilzeitkräfte heranzieht. Kurz gesagt, ich musste mehr arbeiten, sprich, ich habe weniger Zeit für Claus und die Eltern.

Ende November, ich konnte bei der Arbeit etwas früher gehen als normal, war das Wetter schön. Ich will heute erst zu Vaddi, aber er erzählt mal wieder die Geschichte von vor einem halben Jahr, als Muddi was auch immer gemacht hatte. Am liebsten hätte ich ihn angeschrien: „Lass mich doch mit eurem Kram in Ruhe, geh mir nicht auf die Nerven, du kotzt mich an! Du und Muddi, verdammt noch mal!!!“

Hab ich aber nicht gemacht! Nicht mal Ansatzweise! Gott sei Dank, denn heute würde ich bekloppt, hätte ich das gemacht. Aber stattdessen hab ich trotzdem nicht lange gefackelt. Kaum hatte er angefangen zu reden, herrschte ich ihn an: „Zieh dich an, was Warmes, wir müssen los!“

Er schaute mich ganz verdutzt an. „Wohin?“ fragte er. „Wirste schon sehen“ raunte ich ihn an. Ich hatte ja selber keine Ahnung.

Vielleicht ins Moor, ihn versenken? Von der Brücke stürzen? Ihn in den Rollstuhl setzen und einfach auf die stark befahrene Straße schieben? Oder so was ähnliches, ich wusste es nicht.

„ Nimm den Rollstuhl mit, den brauchen wir noch!“ Vaddi schob den Rollstuhl brav vor sich hin, bis zu meinem Auto. Ich klappte ihn zusammen und buxierte ihn in den Kofferraum. Er blieb dabei stehen und sah mir zu. Er sah bestimmt, dass ich etwas mehr Gewalt an den Rollstuhl anlegte. „Einsteigen“ sagte ich. „Anschnallen“.

Ich gab Gas, wütend wie ich war. „Jetzt mal halblang“ sagte meine innere Stimme. Ich fuhr also erst mal los. Dann fiel mir ein, dass ganz in der Nähe ja ein ganz toller Kanal ist. Direkt neben der Mühle. Da kann ich runterkommen, mich beruhigen.

Wir parkten also ein paar Minuten später schon wieder. Ich holte den Rollstuhl heraus und dann ließ ich Vaddi darin einsteigen. Er sagte gar nichts mehr. Und so schob ich Vaddi am Kanal entlang.

landscape-598876_150

Es war herrlich! Vögel, Enten, alles tummelte sich am Wasser. Nach ein paar hundert Metern war keine Menschenseele mehr zu sehen. Ich war fasziniert von der Natur. So hatte Vaddi uns früher immer alles gezeigt. Ich war überhaupt nicht mehr wütend. Und auf Vaddi schon gar nicht! Verzeihung!

Während wir so gehen, sage ich Vaddi, wie toll es denn hier ist und ob er es auch so empfindet. Dabei muss ich mich zu ihm runterbeugen, damit ich in sein Ohr rufen kann.

Von dieser Sicht aus sehe ich, dass wir einige Kilometer zurückgelegt hatten, von denen nur ich etwas hatte. Denn, Vaddi saß ja in dem Rollstuhl und von seinem Kopf aus konnte man kein Wasser sehen, keine Vögel darauf, nichts. Nur den kleinen Deich. Er fuhr also nur an einer mäßig grünen Wiese vorbei, die den Berg hochgeht. Und pflichtet mir immer bei, egal was ich sagte. Ich habe ihm doch gar nicht wirklich gesagt, dass er mich ankotzt. Hat er das gespürt? Bestimmt hat er das.

Auf dem Weg gibt es eine Beobachtungsstation. Ich halte an und frage Vaddi, ob er sich zutraut, die Stufen da hochzugehen. „Klar“ sagt er und steht schon an der Treppe. Die Stufen bestehen aus Gittern, aber er stapft emsig dort hoch. Oben angekommen steht er mit dem Rücken ganz hinten, um sich abzustützen. Wie doof von mir, Vaddi hat ja Höhenangst. Er konnte das schon vor vielen Jahren nicht mehr, so auf einen Turm steigen. Ich Blödmann ich!

Irgendwie kommen wir da auch wieder runter, rückwärts die Treppe, wir kommen auch zurück und auf dem Parkplatz vor dem Heim sagt er, „Wir müssen jetzt aber schnell zu Muddi, bestimmt vermisst sie uns schon.“

Als ich heute vom Heim weggehe, nachdem ich am Fenster des Speisesaales vorbei war und gewunken habe, bin ich erst mal zur Brücke, die über den Bach geht. Ganz leise, eigentlich mehr nur innerlich, schreie ich! Und dann kommen Tränen, wie sie schon lange nicht mehr flossen. Ich konnte sie nicht aufhalten.

Werbeanzeigen

8 Gedanken zu “Meine Eltern werden alt – Teil 26

  1. Hallo, ich bin auch sehr berührt, denn ich habe einige Jahre in einem Pfelgeheim in der Seniorenbetreuung / sozialer Dienst gearbeitet.
    Es waren sehr harte, aber auch sehr schöne Tage, Zeiten und Erlebnisse. Aber ich kann auch nachfühlen, wie durcheinander, überfordert und/oder traurig… sich Angehörige dabei fühlen…
    Mir war es immer sehr wichtig, die Familien und/oder Partner nicht mit dem Gefühls- und Fragenchaos „allein“ zu lassen…
    Hier finde ich vieles wieder, was ich eben auch aus der Zeit kenne.
    Sie machen das wunderbar!!! und Hut ab, wünsche Ihnen weiterhin viel Kraft!

  2. Nee, bloß nicht!! Aber mein Mann und ich achten auch immer bei uns auf manche Dinge. Und wenn man dann mal im Wohnzimmer steht und nicht weiß, was man da eigentlich wollte…??? Aber so schlimm ist es noch nicht, sowas ist mir auch als Kind schon passiert und meist fällt einem dann ja auch wieder ein, was man da wollte 😉

  3. ich habe in einem Zug alle bisherigen Beiträge, die ich über Katrins Blog fand, gelesen. Ich bin stark angerührt, finde die Informationen auch nützlich für den Fall, dass ich selbst dement werde. O je, bloß nicht!

  4. Ich bin sehr berührt. So ehrlich und die Facetten von Alzheimer – auch für die Angehörigen – werden spürbar. Nun werde Ihnen gern folgen.
    Vielen Dank Ihnen und Katrin, die mich hier her führte.
    Herzliche Grüße
    Sylvia

  5. Hat dies auf Meine Erlebnisse im Altenheim rebloggt und kommentierte:
    Hanna schreibt so ehrlich, lässt uns an ihren Gefühlen teilhaben. Der ganze Blog über die an Demenz leidenden Eltern ist sehr lesenswert! Diesen Beitrag fand ich besonders ‚echt‘. Man kann sich richtig vorstellen, welche Gefühle die dementen Eltern in den Kindern auslösen. Nicht nur positive, liebevolle. Dieser ehrliche Beitrag hat5 mich sehr berührt.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.