Meine Eltern werden alt – Teil 23

Meine Eltern werden alt – Teil 23

 Wir haben schon länger keinen richtigen Urlaub gemacht, immer nur ein paar Tage, wir trauen uns nicht mehr, weit zu fahren und zu lange weg zu bleiben. Obwohl wir ja mit unserem Campingbus eigentlich immer viel unterwegs waren und es auch sehr lieben.

Aber nach diesen Feierlichkeiten fanden wir, dass wir uns eine Woche Erholung verdient hätten.

Da ich am 17. Juni Geburtstag habe, wollten wir nach Düsseldorf. Claus hatte sich schon 2 Tage vorher mit Freunden dort getroffen und ich bin mit dem Zug am 15. 6. nach.

Am 17. 6. rief ich erst bei Vaddi und dann bei Muddi an. „ Na, wie geht’s? „ „Gut“. Keinem der beiden war mein Geburtstag eingefallen. Na, was soll‘s, sie sind alt. Und die Geburtstage der Anderen haben sie ja auch schon lange vergessen, wenn ich nicht daran denken würde. Aber für mich brauche ich keine Karte schreiben, die sie mir dann verdutzt überreichen…

Als wir wieder nach Hause fuhren und in ihrem Ort  ankamen, besuchten wir erst mal die beiden, danach fuhr ich mit meinem PKW, der am Bahnhof parkte, nach Hause. Claus, der schon mal mit unserem Campingbus vorgefahren war, empfing mich mit den Worten: „Wo sind die Gummistiefel?“ „Was für Gummistiefel?“ wollte ich wissen. „Na, dann komm mal rein“, ermunterte mich Claus.

Wir hatten einen riesigen Leitungswasserschaden in unserem Haus. Fast das gesamte Erdgeschoss war überflutet, das Wasser lief in Strömen aus der Decke heraus, die meisten Möbel waren aufgequollen, der Inhalt der Schränke sah auch genauso aus. Das Wasser muss schon einige Tage geflossen sein. Gut, dass wir Muddi und Vaddi schon vorher besucht hatten!

Wochenlang hielten wir die Trocknungsgeräte aus.

IMG_0157

Claus hat nur noch in unserem Camper übernachtet und schließlich haben wir uns entschlossen, auszuziehen. Durch Zufall fanden wir über einen Makler ein tolles altes Haus zur Miete, mit großem Garten, im gleichen Ort wie Muddi und Vaddi. Ab ersten August durften wir schon ins Haus, um alles auszumessen und ab 15. August konnte der eigentliche Umzug beginnen. Unseren Haupturlaub haben wir also mit unserem Umzug verbracht.

Kurz vor unserem Umzug hatte Vaddi eine TIA, das ist ein kleiner Schlaganfall. Ich war gerade da, mit Vaddi in Muddis Wohnung und wir wollten zum Abendbrot. Ich war mit Muddi im Badezimmer, denn wir haben uns angewöhnt, immer vor dem Essen zum Klo zu gehen, damit sie nicht gleich wieder hoch will und Vaddi genug Zeit hat zu essen. Da höre ich von Vaddi komische Geräusche, lass Muddi einfach stehen und renne zu ihm. Vor meinen Augen verändert sich sein Gesicht, der Mundwinkel hängt, der Arm ist komisch verbogen und er ringt nach Luft. Der Notarzt wird bestellt und ist auch schnell da, allerdings hat sich Vaddis Zustand bis dahin auch wieder normalisiert. Claus ist schnell vorbei gekommen und kümmerte sich um Muddi. Gut dass ich die Schublade in Vaddis Wohnung, ein Stockwerk tiefer, kenne, in der wir Vaddis Chipkarte der Krankenkasse aufbewahren.

Ich bin natürlich mit dem PKW und eiligst zusammen gepackten Sachen zum Krankenhaus hinterher und es dauerte lange mit den ganzen Untersuchungen, bis er auf die neurologische Intensivstation kam.

Zum ersten Mal nahm mich eine Ärztin zur Seite und fragte, ob man im Falle des Falles Vaddi   reanimieren soll. Sie brauchte mir nicht erst sagen, dass Vaddi schon 95 Jahre alt ist. Und was nach der Reanimation vielleicht los ist. Die Entscheidung ist eigentlich nicht schwer, ich weiß, dass die beiden niemals in einem erbarmungswürdigen Zustand aufwachen wollen oder eben vielleicht nie mehr richtig aufwachen. Ich weiß, dass sie nie pflegebedürftig   werden wollen. Dass sie das niemals ihren Kindern zumuten wollen. Aber ich soll das jetzt aussprechen.

Ich tue es. Nicht reanimieren.

Mit zitternden Knien und einem Kloß im Hals. Als ob ich gerade über Leben und Tod entschieden hätte. Hab ich ja auch, irgendwie.

Den nächsten Tag am Morgen gehe ich erst mal zu Muddi, um sie zu beruhigen. Sie konnte sich an das Ereignis gut erinnern und fragte auch gleich nach, wie es ihm geht. Ich sagte einfach, es gehe ihm gut, obwohl ich das ja nicht wusste. Aber wenn es ihm schlecht gehen würde, dann hätte man mich sicherlich angerufen. „ Ich fahr da gleich hin“, sagte ich ihr. „Schöne Grüße“ sagte sie.

kiwi-161728_150

Danach statte ich erst einmal seiner Wohnung einen Besuch ab. Er braucht ja einen neuen Schlafanzug und Unterwäsche. Ich nutze auch die Gelegenheit, bei ihm sauber zu   machen. In der Küche trifft mich der Schlag, als ich abspülen will: 3 schöne, teure Trinkgläser sind vollgeklebt mit den Aufklebern der Kiwis. Er hat bestimmt hundert davon gegessen. Und alle Aufkleber fein säuberlich auf die Gläser geklebt. Warum? Ich werfe alles Obst weg, das er gehortet hat, es sind schon kleine Fliegen darauf.

Als ich ihn danach besuche habe ich mich erst einmal richtig erschrocken. Ein kleiner alter Mann liegt hilflos im Bett. Als er dann allerdings auf der Bettkante sitzt, sieht er wieder aus wie mein Vater.

Vaddi hat sich aber schnell erholt und ist nach 2 Tagen schon wieder nach Hause entlassen worden. „Sie nehmen wir gerne wieder“, hatten die Schwestern gesagt und Vaddi strahlte über das ganze Gesicht. Wenn man ihn nur für eine kurze Zeit hat, ist er witzig und interessant. Da wiederholt sich ja auch noch nichts. Immerhin ist er 95 Jahre alt und dafür noch ganz toll in Schuss!

Werbeanzeigen

2 Gedanken zu “Meine Eltern werden alt – Teil 23

  1. Es ist ja nun schon einige Zeit vergangen, aber auch heute noch, wenn ich es selber wieder lese, kann ich gar nicht glauben, wie wir das alles immer so hinbekommen haben…

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.