Meine Eltern werden alt – Teil 20

Meine Eltern werden alt – Teil 20

Vaddi bräuchte unbedingt Unterhaltung. Er weiß so viel und will es auch gerne loswerden. Ich suche also nach einem persönlichen Betreuer für ein paar Stunden.

Über das Internet bin ich fündig geworden und telefonierte mit dem Herren mittleren Alters. Er hat mehrere ältere Leute, mit denen er Zeit verbringt und früher hat er auch schon mal in einem Altenheim die Betreuung übernommen. Und nachher fährt er noch mit zwei älteren Herrschaften in die Stadt, und „wissen sie, die Menschen brauchen einfach Abwechslung, da bin ich schon der Richtige.“ Als er einmal Luft holte, wollte ich ihm eigentlich sagen, wer Vaddi ist und was er braucht. Aber ich war zu langsam, er hatte schon wieder mit einem neuen Monolog begonnen. Wenn ich schon nicht zu Wort komme, wie soll Vaddi dann seine Geschichten loswerden? Vaddi will erzählen, nicht zuhören! Ich habe dem Herrn dann per E-Mail abgesagt. Er hat sich auch nicht wieder gemeldet.interviewer-150450__180

Muddi ist, wie schon öfters, nachts aus dem Bett gefallen. Wahrscheinlich als sie aufstehen wollte, weil sie mal zum Klo musste. Zack, dann liegt sie und kommt nur noch mit Mühe zur Klingel. Man hat sie also auf dem Boden und mit einem blauen Rücken gefunden. Sie war zum Röntgen im Krankenhaus und hat sich Gott sei Dank nichts gebrochen. Mich hatte man nicht davon unterrichtet, obwohl ich ja darum gebeten hatte, mich anzurufen, wenn etwas passiert. Wenn sie mal wenig Hunger hat, dann sagt man mir das, jetzt aber kam kein Anruf.

Für Vaddi bemühe ich mich jetzt um einen Notrufknopf, schließlich wollen wir nächste Woche für ein paar Tage nach Sylt, verspätete Hochzeitstags Reise. Die Pflege ist ja bei ihm nicht zuständig und was ist denn eigentlich, wenn er mal beim Aufstehen hinfällt? Wer findet ihn dann? Fällt es irgendwem auf, dass er nicht zum Frühstück kommt? Ja klar, Muddi, aber versteht sie denn Jemand? Wenn sie mit ihren immer spärlicher werdenden Worten fragt, wo Vaddi ist? Oder kriegt sie dann zur Antwort, er wird schon noch kommen?

So wirklich ˂ betreutes ˃ Wohnen ist das hier auch nicht.

Wir bekommen einen Termin mit der Wachgesellschaft, man besucht Vaddi zu Hause. Natürlich geht das jetzt auch nicht ohne mich! Seit 2 Tagen hat er jetzt einen Notrufknopf. Hängt statt um seinen Hals oder Handgelenk jetzt an dem Sofa. Klappt sowieso nie…

Damit das mit dem Notruf auch alles klappt, soll ich Telefonnummern hinterlassen, bei denen die Wachgesellschaft anrufen kann, wenn ein Notruf ausgelöst wird. Ich frage im Heim nach, welche Nummer ich dann angeben kann. Nein, dafür sind sie nicht zuständig. Ich soll mal die Nummer des ambulanten Pflegedienstes angeben.

Welcher Pflegedienst? Vaddi hat keinen Pflegedienst, er macht noch alles selber, beziehungsweise ich unterstütze ihn dabei. Obwohl ich auch schon öfter darüber nachgedacht hatte, für Vaddi einen ambulanten Pflegedienst zu verpflichten. Aber wie soll ich ihm das beibringen! Das würde ja bedeuten, er sei pflegebedürftig. Ist er das wirklich? Mache ich mir da was vor? Mache ich ihm was vor?

Ich gebe also außer meiner Nummer doch die vom Heim an, die werden ihn schon nicht im Regen stehen lassen. Wenn er mich erreichen könnte, brauchten wir diesen Notrufknopf ja gar nicht.

Advertisements

6 Gedanken zu “Meine Eltern werden alt – Teil 20

  1. Auch ich möchte mich bei dir bedanken. Ich lese deine Geschichte mit interesse, kommen so doch einige Erinnerungen an meiner Mutter zu Tage, die auch wegen Demenz in einer Pflegeeinrichtung war bis sie letztes Jahr verstarb

  2. Ich kann nachempfinden, bewundere deinen Einsatz und finde gleichzeitig deinen Schreibstil wunderschön. Danke für dein Einblick in diesen Teil deines Lebens

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.