Meine Eltern werden alt – Teil 19

Meine Eltern werden alt – Teil 19

 Vaddi erzählt. Unermüdlich. Doch ich höre ihm zu.

Als Edda und ich Kinder waren, da hatte Vaddi jeden Sonntagmorgen, wenn wir in das Ehebett schlüpfen durften, uns viele Geschichten erzählt. Das waren Geschichten vom Tautröpfchen und sie entsprangen seiner Phantasie. Unermüdlich.

Wir Kinder fanden diese Geschichten sehr spannend und konnten gar nicht genug davon bekommen. Tautröpfchen konnte denken, hatte Eltern, die Tautropfen waren und eine Familie, das war die Wolke. Und das Tautröpfchen war uns so ähnlich, stellte oft irgendeinen Blödsinn an, oft fast das Gleiche, wie wir letzte Woche und wurde immer gerettet, wenn etwas Schlimmes passierte. Weil es ja meist dann hinterher auf seine Tautropfen hörte, die viel mehr Erfahrung hatten als es selber. Dass die großen Tautropfen schon viel mehr wussten und erlebt hatten als so ein kleines Tröpfchen, das war sogar uns Kleinen klar.

„Wieso hatte Tautröpfchen denn nicht gleich auf seine Eltern gehört“, wollten wir wissen, „dann wäre es jetzt nicht vom Dach gekullert“.

„Weil Tautröpfchen so viel probieren will und meint, es schon alles richtig zu wissen“, sagte Vaddi dann. „Wir machen es aber anders“, sagte dann einer von uns Kleinen. „Los Vaddi, noch eine Geschichte, bitte!“ Und er erzählte, unermüdlich.

Allein das Wort ‚ Tautröpfchen ‚ hatten Edda und mir auch als Erwachsene noch leuchtende Augen bereitet. Zu Muddi und Vaddis 65. Hochzeitstag haben Edda und ich ein Buch gestaltet, mit Geschichten, Bildern und Illustrationen vom Tautröpfchen, das wir den beiden schenkten.

„Ach ja, das Tautröpfchen“, hatte Vaddi verträumt gesagt.

Heute erzählt er auch wieder, unermüdlich. Nicht vom Tautröpfchen, aber ich höre ihm zu. Warum sollte ich ihm jetzt nicht zuhören?

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