Meine Eltern werden alt – Teil 17

Meine Eltern werden alt – Teil 17

Den Heilig Abend verbrachten wir mit den beiden bei uns zu Hause und am 1. Weihnachtstag fuhren wir nach Oldenburg. Alle sind gekommen. Das war dann schön. Allerdings stellte ich fest, dass Vaddi meist alleine da saß. Irgendwie ist er mit seinen ausführlichen Geschichten jedem auf den Keks gegangen, jeder versuchte, sich durch einen Vorwand davon zu schleichen.

Er tat mir natürlich leid, er ist ein alter Mann und kann sich da auch wohl nicht mehr großartig ändern. Also hörte ich mir, wie jeden Tag, seine spannenden Geschichten an, die ich natürlich alle schon kenne.

Silvester verbrachten die beiden in Muddis Wohnung. Ich habe 2 Piccolo Sekt geholt. Sie haben zusammen eine Volksmusiksendung angesehen und haben es tatsächlich bis zum Feuerwerk miteinander ausgehalten. Muddi sagte, es wäre sehr schön gewesen. Ich freue mich über solche Aussagen immer, denn da schöpfe ich Hoffnung, dass sie vielleicht auch mal wieder 1 oder 2 Tage ohne mich leben können.

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Vaddi trägt wieder die Gardine um den Hals. Ich gebe es auf.

So langsam merke ich, dass mir alles schwer fällt. Ich kann mich auf gar nichts anderes konzentrieren. Ich kaufe Unmengen von einschlägigen Büchern. Doch sie helfen mir nicht wirklich. Bei den Büchern in Romanform ist mir hinterher regelrecht schlecht. Die Leute haben ihre Mutter, Vater oder auch beide Eltern ja alle immer selber bei sich zu Hause gepflegt.

Da geht’s mir doch richtig gut, ich habe die 2 ja schon versorgt, es geht ihnen gut und sie haben die Hilfe, die sie brauchen. Bei uns hatte sich die Frage, ob wir sie bei uns Zuhause unterbringen, gar nicht erst gestellt.

Meine Güte, ein bisschen Zeit am Tag für die Eltern, das kann doch nicht zu viel verlangt sein. Schließlich liebe ich sie. Wirklich!!! Echt!!!. Das meine ich ernst!!!

Ich fühle mich schlecht, weil ich oft keine Lust habe, sie zu besuchen. Und weil sich eigentlich immer alles nur um sie dreht. Ich schaue ständig auf die Uhr, denn ich habe mir angewöhnt, die beiden so zu besuchen, dass ich sie hinterher immer zu irgendeinem Essen nach unten begleiten kann. Dann sitzen sie so schön, ich kann ihnen Tschüss sagen und anschließend noch einen Schlenker am großen Fenster vorbei machen, um zu winken.

Wieso, frage ich mich oft, wieso kann ich mich nicht freuen, die beiden zu sehen, so wie ich mich früher immer gefreut habe, wenn wir sie besucht haben?

Wieso nur belastet mich das so? Ständig habe ich das Gefühl, sie im Stich gelassen zu haben.

Immer häufiger belästige ich meine Verwandtschaft mit meinen Telefonaten, bei denen es sich ausschließlich nur um Muddi und Vaddi dreht. Das will keiner mehr hören!!!

Am Abend falle ich regelmäßig todmüde ins Bett. Und denke nach, was ich noch machen könnte. In der Nacht erscheinen sie mir im Traum, oft auch vorwurfsvoll und ich weiß, das ist mein schlechtes Gewissen.

Wie, du gehst immer noch jeden Tag zu ihnen?“ ist eine häufig gestellt Frage. „ Hör damit auf, 2-mal die Woche reicht doch auch“.  „ Lass nicht alles so an dich herankommen, das macht dich krank“. „ Geh doch einfach mal eine Woche nicht hin, das wird dir gut tun.“

Der Kopf sagt mir das auch. Das Herz und der Bauch jedoch verhindern das. Und manchmal auch einfach nur ein Anruf vom Heim. Ach, wäre ich doch heute bloß dagewesen.

Ich stecke in einer Zwickmühle, aus der ich nicht mehr herauskomme.

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