Meine Eltern werden alt Teil 15

Meine Eltern werden alt Teil 15

Wenn die beiden vom Mittagessen kommen, geht Vaddi immer an den Briefkasten und holt die Post. Meist ist es nur Reklame, aber es ist etwas drin im Briefkasten. Vaddi setzt Muddi dann immer auf das Ostfriesensofa, das im Eingangsbereich steht. Muddi wird in der Zeit fast verrückt, weil sie ihren Mann für einen kurzen Augenblick nicht sehen kann. Er genießt das, glaube ich. Er genießt auch, dass er den Schlüssel hat, dass er überhaupt einen Schlüssel hat und sie nicht. Das sagt er ihr auch oft genug und ich verstehe nicht, warum er so gemein zu ihr ist. Ich verstehe sowieso nicht, was in seinem Kopf vorgeht. Ich dachte immer, er liebt sie. Und nun ist er manchmal so gemein zu ihr.

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Heute weiß ich das, es sind bereits Zeichen seiner Demenz, die er immer schon überspielt hat, die auch ich einfach nicht sehen wollte, weil Vaddi ja meine Stütze sein soll, nicht mein Problemkind. Ein Problem reicht mir. Heute weiß ich das, aber heute, das ist zu spät.

Da Muddi immer so ängstlich ist, mache ich einen Termin beim Neurologen. Vorher soll sie beim Hausarzt diesen Minimentaltest machen. Die Uhr wird abenteuerlich, auch kann sie sich wirklich gar nichts merken. Ich bin ja dabei und würde ihr am liebsten alles vorflüstern, sie schaut immer ganz ängstlich zu mir rüber. Das ist nicht so, wie bei diesen lustigen Filmen, wo der Demenzkranke noch in eine Band eintritt oder sich über den Herrn Doktor lustig macht, weil er solche Fragen stellt. Sie tut mir unendlich leid. Warum hab ich sie bloß hierher geschleppt?

Den Neurologentermin bekomme ich in Oldenburg, denn in der näher bei uns gelegenen Stadt hat man erst im nächsten Jahr etwas frei. Einen Tag vor dem Termin fahre ich schon mal allein zur Praxis, mal sehen, wo das ist, wie lange ich brauche, ob ich dort nah genug parken kann und so weiter. Es macht keinen Sinn, zu früh in der Praxis anzukommen, denn Warten war noch nie etwas für Muddi und ich kann diese Fragen, „wann kommen wir denn dran?“ einfach nicht mehr hören.

Aber sie wird auch noch zur Toilette müssen und zu spät kommen, das kommt für mich einfach nicht in Frage. Ich merke schon, das Leben meiner Eltern zu organisieren wird langsam eine logistische Herausforderung.

Am nächsten Tag geht’s los. Wir sind pünktlich und Muddi sagt im Auto zu mir, zum Psychiater geht sie nicht. „ Das ist kein Psychiater sondern ein Neurologe, so wie damals, bei deinem Schlaganfall“, sage ich. Vor der Tür bleibt sie auch erst mal stehen und begutachtet das Schild.

Ah, ein Neurologe“ sagt sie.

Der Neurologe kann nichts feststellen. „Wissen sie, wo sie sind?“ „Ja, in Oldenburg bei einem Neurologen“. „ Kennen sie Oldenburg?“ „ Ja, da wohnen meine Enkel“. „ Wo wohnen sie jetzt?“ Sie konnte heute ziemlich gut sprechen nannte auch diesen Ort genau.

Sag ich doch, sie ist weder dement noch hat sie Alzheimer!

Ich hätte es allerdings lieber gehabt, er stellt etwas fest, verordnet Muddi ein paar Pillen und schwupps ist sie wieder die Alte. Hat er aber nicht.

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