Meine Eltern werden alt – Teil 12

Meine Eltern werden alt – Teil 12

 

Mir wird regelmäßig schlecht, wenn ich sehe, wie der Kontostand meiner Eltern so langsam kleiner wird, weil die Ausgaben jetzt gerade mal eben mit den Einkünften zu schaffen sind.

Sie brauchen viele neue Klamotten, denn sie haben sich zuletzt eigentlich gar nichts mehr gekauft. Die Schuhe von Muddi haben fast keine Sohlen mehr und haben Schnürbänder. Auch Vaddis Schuhe sollten ohne Schnürbänder sein, nur mit Klettverschluss zu schließen. Ich hab mich früher für die Sohlen oder Schnürbänder meiner Eltern nicht interessiert. Sie hatten die Schuhe ja schon immer an und ob es mühsam war, ist mir entgangen. Sie haben sich ja sonst immer Hilfsmittel zur Lebenserleichterung aus einem Katalog bestellt. Dann wird so etwas schon keine Mühe machen. Aber ehrlich, ich hab da nicht drauf geachtet.

Also kaufen wir erst mal ein, denn ich finde, es ist ihr Geld, sie haben es sich erspart, sie können es nicht mehr ausgeben, wenn ich es nicht für sie tue.


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Ich war neulich mit den beiden in Vaddis Keller, in dem noch einige vollgestopfte Kartons lagern. Vaddi hatte ja schon öfter gefragt.

Wir haben dann eine ganze Kiste voll mitgenommen: Eine alte, nicht mehr funktionsfähige Super 8 Filmkamera, 2 Kamerataschen für die es keine Kameras mehr gibt, Mützen, Schirm und sonstigen Quatsch.

„Jetzt habe ich mal richtig was zu tun“, strahlte Vaddi, als wir die Kiste mit Hilfe des Rollators in seine Wohnung gebracht hatten. „Na ja“, dachte ich für mich, aber es ist schön, wenn Vaddi strahlt und glücklich ist und ich freute mich auch für ihn.

Nach diesem schönen, entspannten und erlebnisreichen Nachmittag wollte ich dann Muddi wieder hochbringen, weil ich noch meine Sachen in ihrer Wohnung hatte. Vaddi wollte nicht mit, wahrscheinlich wollte er die Kiste auspacken.

Muddi machte mit einem Schlag das schöne Gefühl kaputt: Schon in Vaddis Flur fing sie an zu heulen, man konnte richtig sehen, dass es gleich losgeht, wie bei kleinen Kindern. Dass sie dann alleine zum Essen gehen müsste (obwohl Vaddi gesagt hat, er kommt sie holen, wie er es immer macht) und sie immer alleine sei, und in seine Wohnung dürfe sie auch nie und er wäre nie bei ihr, sie müsse immer alleine zum Essen und auf dem Flur hat sie wütend den Rolli geschubst. Das kenne ich gar nicht von ihr.

Als wir dann oben in ihrer Wohnung waren, saß Vaddi bei ihr im Flur schon in ihrem Rollstuhl, er ist die Treppe hoch. Jetzt hat sie das alles scheinbar vergessen und freut sich über Vaddi, den sie wie selbstverständlich in ihrer Wohnung erwartet hatte.

Auch bei uns Zuhause stehen noch viele Kisten von den beiden rum. Es gibt viele handgeschriebene Zettel, einige Vokabelhefte mit Aufzeichnungen von verschiedenen Urlauben.

Dann ein weiteres Vokabelheft, da stehen die Blutdruckwerte von beiden drauf.

Vaddi war eigentlich immer im grünen bis gelbem Bereich, bei Muddi stehen Werte drauf, dass sich meine Fingernägel biegen:

So ungefähr ab November 2010 täglich Werte von weit über 200. Warum haben sie uns diese Liste damals nicht gezeigt? Immer, wenn ich gefragt habe, haben sie bestätigt: „Wir messen jeden Tag um 11 Uhr den Blutdruck. Und dann trinken wir ein Glas Saft.“

Ich war davon ausgegangen, sie wüssten, welche Werte normal sind. Tägliches Blutdruckmessen allein macht es doch auch nicht! Unternommen haben sie nichts!

Warum habe ich mich damals nicht mehr um sie gekümmert? Wenn ich das da schon gewusst hätte, vielleicht hätte Muddi dann nicht…

Aber auch hier wieder müßig, zu überlegen, was wäre wenn, es ist so, wie es ist, jetzt. Die Selbstvorwürfe nimmt mir sowieso niemand ab!

 

 

 

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