Meine Eltern werden alt – Teil 11

Meine Eltern werden alt – Teil 11

 

Zum 69. Hochzeitstag von Muddi und Vaddi haben sich Marie und Harry angemeldet und wir  feiern etwas in unserem Garten. Ich bin allen unendlich dankbar, dass sie uns nicht so alleine lassen.

Immer wieder sollen wir uns etwas einfallen lassen, aber so langsam wird das immer schwieriger. Es wiederholt sich ja alles. Das ist nicht mehr so wie früher, wenn wir sie besucht hatten. Da waren sie Zuhause und wir der Besuch, jetzt sind sie immer zu Besuch und fühlen sich auch so. Sie bleiben erwartungsfroh sitzen und warten darauf, dass was passiert. Vaddi bedankt sich immer für alles. Das ist ja nett, aber mir wäre es lieber, er würde sich mehr schon wie zuhause fühlen.

Vaddi Küche.JPG

Früher, wenn wir zu Besuch waren, durften wir auf keinen Fall den Abwasch machen. Das war Vaddis Aufgabe. Allenfalls noch das Geschirr in die Küche tragen, mehr auf keinen Fall. Das wollte er so und hat immer darauf bestanden.

Ich glaube, er wäre sehr glücklich gewesen, auch bei uns jetzt das Geschirr abzuspülen, von Hand natürlich, denn eine Spülmaschine kennt er nicht.

Jetzt hatte er es einmal versucht. Er trug bei uns 3 Tassen zur Küche und eine Tasse ist ihm aus der Hand gerutscht. Sie zerbrach, was für uns nicht schlimm war, aber bei Vaddi zerbrach auch etwas.

Das Gefühl, helfen zu können.

Vaddi versteht Muddi nicht, Muddi Vaddi nicht. Rein akustisch. Und das führt dazu, dass die 2 sich streiten.

Muddi ist total ängstlich. Mag keinen Schritt alleine machen, sie fühlt sich im Moment verlassen. Glaube ich.

Was in Vaddis Kopf rumgeht, weiß keiner. Er kann ja alles, nur nicht schnell, sagt er immer. Denken auch nicht!

Alle Gespräche mit ihm über Muddi verlaufen im Sande. Wenn ich sage, dass sie kaum noch mit dem rechten Auge sehen kann, wenn ich sage, dass sie Stuhlinkontinent ist, sie das eben nicht merkt, dass sie eben sehr vergesslich geworden ist und sich das auch nicht ändern wird, dass man versuchen soll, sie so zu nehmen, wie sie ist, dann kommt:  „Hoffentlich wird das alles wieder so wie früher.“

Die Stimmbänder hätte ich mir schonen können.

Mir ist gar nicht klar, zu diesem Zeitpunkt, dass Vaddi mit der neuen Situation nicht umgehen kann. Der Umzug war schon schlimm genug, aber Muddi ist einfach nicht mehr so wie früher. Er ist traurig und wütend darüber und kann sich damit nicht abfinden. Er kann sich auch mit sich nicht abfinden, er kann gar nicht verstehen, dass sie beide jetzt tatsächlich alt geworden sind, was sie nie wollten. Und jetzt bekommen sie es jeden Tag immer wieder aufs Neue gezeigt.

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