Meine Eltern werden alt – Teil 8

Meine Eltern werden alt – Teil 8

Eines Tages bekomme ich einen Anruf aus dem Sanitätsgeschäft aus Schleswig Holstein, die uns den Rollator für Muddi gebracht hatten. Sie wollen den Rollator in den nächsten Tagen bei Muddi abholen, da die Krankenkasse befand, dass nicht sie, sondern ein Sanitätshaus, etwa 45 Kilometer von ihrem Ort entfernt, einen Vertrag mit der Kasse hat. Man verstehe mal die Krankenkassen.

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Das ist nun aber nicht so einfach, das mit dem Abholen, denn Muddi und Vaddi sind ja nun 300 KM weiter weg umgezogen. Und dem Sanitätshaus hatte ich natürlich nicht vom Umzug erzählt, da bin ich überhaupt nicht drauf gekommen.

Also bat ich um eine Rechnung und kaufte den Rollator, denn Vaddi kann eigentlich nun auch mal einen bekommen. Nach einem Anruf bei der Krankenkasse ist nun ein bestimmtes Sanitätshaus für Muddi zuständig, auch dieses Haus ist einige Kilometer weiter weg als andere, aber die Krankenkasse will das so. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Muss ich das?

Zu Vaddis Geburtstag im April hatten wir die beiden zu uns geholt. Muddis Schwester Marie und ihr Mann Harry aus Hamburg so wie auch Edda mit Roland und mein Neffe Jörn mit Tina und die Kinder sind gekommen. Es war richtig schön. Ich gehe nach wie vor immer noch jeden Tag zu ihnen. Sie müssen sich ja erst mal einleben. Das wird schon noch besser.

Vaddi bekommt von seiner alten Firma einen Pralinenkasten geschenkt. Ganz früher, gleich zu Beginn der Rente vor mehr als 30 Jahren, bekamen die Männer immer Zigarren und die Frauen Pralinen, aber mit den Zigarren hatte es dann aufgehört.

Vaddi hat immer behauptet, sie hätten jetzt endlich gemerkt, dass er Nichtraucher sei.

Er erzählt das immer wieder, obwohl wir das ja nun alle schon gehört hatten. Mindestens 5 mal heute.

Inzwischen hatte Vaddi eine Mittelohrentzündung, die natürlich sehr schmerzhaft ist. Und hinzu kommt noch, dass er auf dem einen Ohr, auf dem er sowieso nur hören kann, nun noch schlechter hört. Also fahre ich mit ihm zum Hals Nasen Ohrenarzt. Mit Vaddi ist das ja kein Problem. Er wartet immer geduldig. Da wir ja keinen Termin hatten, mussten wir in die Akut Sprechstunde, die ab 14:45 Uhr beginnt. Wir waren schon gegen 14 Uhr da und warteten vor der Türe, die Schlange wurde immer länger, aber wir waren die zweiten, die vor der Türe standen. Die Sonne schien zwar, aber ich hätte für Vaddi vielleicht doch einen Klapphocker mitnehmen sollen. Ob er sich da allerdings darauf gesetzt hätte, wage ich zu bezweifeln. Er ist ja noch nicht alt!

Vaddi möchte, dass ich mit in das Untersuchungszimmer komme. Kein Problem, ich hätte hinterher sowieso den Arzt gefragt, was los ist. „Was haben Sie denn vorher beruflich gemacht?“ wollte der Arzt von Vaddi wissen. „Ganz genau“ antwortete Vaddi. Klar, er hört nichts.

Nachdem Gesteinsbrockenähnliche Gebilde aus seinen Gehörgängen geborgen waren, sagte der Arzt „Jetzt geht’s noch zum Hörtest“. „Wünsche ich Ihnen auch“, sagte Vaddi.

Schon auf dem Rückweg schwärmte er mir von dem Arzt vor. Der Schmerz war jetzt weg und das Hören ging jetzt auch viel besser. „Stell dir vor, er kennt den Arzt, der mich damals im Krieg am Ohr operiert hat, sie sind Kollegen gewesen“, sagte er auf der Rückfahrt zu mir. Ich hatte davon nichts gehört. Der Arzt ist in etwa in meinem Alter, ich bin 8 Jahre nach Kriegsende geboren, aber wer weiß?

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