Meine Eltern werden alt. Teil 6

 

 

Ich hatte mit Muddi einen Termin bei ihrem neuen Hausarzt und ich hatte ein ausgesprochen gutes Gefühl, eine Dreiviertelstunde hat er sich Zeit genommen. Demnächst sollen wir noch nüchtern zur Blutentnahme kommen.

Ich bin von Natur aus ein Frühaufsteher. Um fünf oder halb sechs ist bei mir der Schlaf zu Ende. Einen Wecker stelle ich nur in meiner Arbeitswoche, für alle Fälle. Aber ich stelle ihn meist schon vor dem Klingeln aus. Ich stehe immer früh auf, leider auch wenn ich nicht arbeiten muss und mal länger schlafen könnte. Aber wach ist wach und im Moment gehen mir sowieso so viele Dinge durch den Kopf, sodass ich die Zeit einfach nutzen möchte.

Als Muddi den Termin zum Blutabnehmen beim Hausarzt hatte, wollte ich sie natürlich dorthin fahren. Halb acht sollten wir nüchtern dort sein. Mit Vaddi hatte ich ausgemacht, dass es eben erst um halb neun Frühstück gibt. Ich habe ihnen die letzten Tage oft beim Frühstück Gesellschaft geleistet, weil ich gerade für uns Brötchen holen wollte. Sie sind beide immer pünktlich um 8 Uhr da. Müsste nicht sein, es gäbe bis 10 Uhr Frühstück, aber das waren sie ja auch schon von früher her gewohnt. 8 Uhr Frühstück! Normal!

An diesem Tag wache ich um 8 Uhr auf! Ach du liebe Zeit! Ich rufe sofort im Heim an, das ich verschlafen habe. Ja, das hatten sie auch bemerkt, hatten bereits beim Hausarzt angerufen und Muddi zum Frühstück um 8 Uhr geschickt. Da saß sie dann allein, weil Vaddi, wie verabredet, erst um halb neun kam und sauer war, weil Muddi bereits fertig war. Tut mir leid!

Mein Körper holte sich den Schlaf, den er brauchte. Vielleicht hatte ich mich aber auch wohler gefühlt, weil jetzt alles in seinen Bahnen läuft. Ich war ja im Großen und Ganzen zufrieden.

Ich! Aber Muddi und Vaddi auch???

 

Der MDK war bei Muddi, es bleibt alles beim Alten. Pflegestufe 1. Diese Pflegestufe hatte ich nach einem Gespräch mit einer Dame von Senior Place als Eilantrag in der Rehaklinik beantragt.

Ich hatte schon die Befürchtung, man könne ihr die Pflegestufe wieder aberkennen. Man hört ja oft solche Schauergeschichten, dass, wenn man nur den Arm nach oben heben kann, schwupps gibt’s keine Pflegestufe mehr.

Sie ist ja auch wieder ziemlich mobil geworden, seit sie hier ist. Ihr Mann ist bei ihr und ich glaube, das trägt sehr zu ihrem Wohlbefinden bei. Sie fühlt sich nicht mehr so allein und Vaddi hatte ihr auch früher schon immer alle Wünsche buchstäblich von den Augen abgelesen. Er schneidet ihr das Fleisch klein, damit sie nur die Gabel zu benutzen braucht, er öffnet den Joghurtdeckel, schält die Bananen und schneidet die Äpfel klein, hilft ihr, die Schürze umzulegen, hält am Schluss den Suppenteller schräg, damit auch der Rest noch gelöffelt werden kann.

Und zieht alle weiblichen Augenpaare auf sich. „Ach, so hätte ich es auch gerne“ hört man von den Nachbartischen raunen. Vaddi genießt das sehr. Und die weiblichen Augen sind hier eindeutig in der Überzahl. Lediglich einen Tisch mit 4 Männern gibt es hier im Speisesaal.

Hätte man ihr berechtigterweise die Pflegestufe aberkannt, ich wäre sehr glücklich damit. Dann könnte sie nämlich zu Vaddi ins betreute Wohnen ziehen. Sie brauchen ja eigentlich keine 2    Wohnungen.

Muddi sagt jedes Mal, wenn wir bei Vaddi sind und dort den Kaffee trinken, „ach, hoffentlich kann ich bald auch hier einziehen“. Mittlerweile mache ich schon immer die Schlafzimmertür zu, wenn wir dorthin gehen, damit sie „ihr“ Bett nicht sieht. Denn sie hat eine Pflegestufe und sie ist wirklich nicht soweit, dass sie mit Vaddi allein wohnen kann. Leider!

 

 

 

 

 

 

 

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