Meine Eltern werden alt. – Teil 5

Meine Eltern werden alt.  –  Teil 5

Am Umzugstag hole ich Muddi vom Heim ab und wir verabschieden uns von Edda und Roland an der alten Wohnung. Mein Mann Claus und ich fahren mit Muddi und Vaddi jeder mit einem Auto los, bevor der große Möbelwagen kommt. Wir brauchen neben Rollstuhl und 2 Rollatoren ja auch noch ein paar persönliche Sachen, bevor der Möbelwagen ausgeladen wird. Da wäre nur ein Auto viel zu klein und es soll bei dieser 3 Stundenfahrt ja auch bequem sein.

Meine Schwester Edda und ihr Mann Roland müssen den Rest nun allein bewältigen, wir wollten nicht, dass unsere 2 das Ausräumen des Hauses mit ansehen müssen.

Muddi und Vaddi werden in ihrem neuen Zuhause herzlich willkommen. Sie bekommen Kaffee, während ich die Ferienwohnung im gleichen Haus begutachte, in der ich heute mit Vaddi schlafen möchte. Edda und Roland sind am Abend nun auch angekommen und sie fahren anschließend mit Claus zu uns nach Hause. Die Möbel sollen erst am nächsten Tag ausgeladen werden.

Ich bat um einen Toilettenstuhl für Muddi in der Nacht, denn den hatte sie in der Kurzzeitpflege nachts immer neben dem Bett. Und hier muss sie durch das Wohnzimmer ins Bad, der Weg ist für sie ja ganz neu. Um 18 Uhr bekommt sie Abendbrot in der Stationsküche und wir haben uns von ihr verabschiedet.

Leider gibt es im Schlafzimmer der Ferienwohnung nur ein einzelnes Bett, dass ich natürlich Vaddi überlasse und mache es mir im Wohnzimmer auf dem Sofa so gemütlich wie möglich.

In der Nacht war Vaddi sehr unruhig, ich höre ihn immer rumoren und schließlich stehe ich auf und sehe nach ihm. Er steht verzweifelt am Fenster, weil er den falschen Weg zur Toilette eingeschlagen hat. Ich bin mit ihm zum Badezimmer gegangen, aber leider ist schon etwas in die Schlafanzughose gegangen. Armer Vaddi.

Vielleicht waren es schon Anzeichen, aber ich deutete dieses einfach als ein Durcheinander, bedingt durch die Aufregung des Umzuges. Vielleicht aber war es auch so.

 

Nachdem nun alle Möbel in den beiden Wohnungen aufgebaut waren und mit Hilfe der ganzen Familie alles wohnlich und fast so wie früher ( natürlich in beiden Wohnungen ) hergerichtet war, waren wir zufrieden.

Ich kümmerte mich erst mal jeden Tag viele Stunden um die beiden, sie müssen sich ja erst mal eingewöhnen. Sie können zusammen im Speisesaal essen, für die Bewohner des betreuten Wohnens gibt es ein Arrangement, für die Heimbewohner ist das Essen natürlich inbegriffen.

Sie sind viel zusammen in Muddis Wohnung, und sie sehen jeden Abend Fernsehen, zusammen auf dem Sofa, so wie früher. Wir waren zufrieden.

Wir! Aber Muddi und Vaddi auch???

Auszug aus meinem Tagebuch:

Anfang April 2011

Shanty

Im Heim gibt es ein Frühlingsfest. Ich gehe mit Muddi und Vaddi runter in den Speisesaal. Lauter alte Leute sitzen dort, ein Shantychor steht am Ende des Raumes und singt. Die Leute schunkeln mit. Die beiden bekommen einen Platz zugewiesen und sitzen zusammen mit anderen Menschen, die sie nicht kennen. Alle, außer Muddi und Vaddi, haben Spaß.

Lauter weißhaarige Menschen mit verschiedenen Gebrechen, mit viel oder wenig Zähnen im Mund, Hörgeräte, die am Piepsen sind, unzählige Rollstühle und Rollatoren, Krückstöcke, Sauerstoffflaschen und krumme Rücken. Mir kommen die Tränen.

Ich hab auf diesem Umzug bestanden. War das das, was ich wollte?

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