Meine Eltern werden alt. Teil 4

 

Meine Eltern werden alt. Teil 4

 

Wir, die Familie, suchten alle fieberhaft nach Wohnmöglichkeiten und Lösungen bei uns in der Nähe. Wir haben uns alle, zusammen und auch jeder alleine, so vieles angesehen, aber viele Möglichkeiten, die sich uns boten, die fanden wir für Muddi und Vaddi nicht passend oder viel zu teuer oder aber immer noch zu weit weg von uns.

Vaddi weigert sich stur, einem Umzug zuzustimmen. Für uns war das allerdings schon beschlossene Sache, auch für die Enkel, die sich ja auch gerne kümmern möchten. Mit Engelszungen versuchte jeder Einzelne, Vaddi von den Vorzügen eines Umzuges zu überzeugen. Allerdings gab es da diese Nachbarin, die mich damals angerufen hatte. Sie redete Vaddi immer ein, Muddi könne alles allein und könne nach Hause. Sie würde schon auf sie aufpassen. Die Nachbarin ist etwa 70 Jahre alt und ist eigentlich selber auch nicht mehr ganz gesund.

Inzwischen hatte ich eine tolle Seniorenwohnanlage gefunden. Für Muddi allein zweieinhalb Zimmer, ich konnte erst gar nicht glauben, dass es ein Pflegezimmer sein soll, und betreutes Wohnen, 2 Zimmer, Küche, Diele, Bad für Vaddi im gleichen Haus, ganz bei uns in der Nähe. Ich hatte sofort den Kontakt aufgenommen, der Platz ist für beide nun reserviert. Mal so auf Verdacht. („Wir können das aber nicht länger als 3 Wochen freihalten.“)

Plötzlich, ich hatte wie jeden Tag mit Vaddi telefoniert, war er mit einem Umzug einverstanden. Mir fiel fast der Hörer aus der Hand. 5 Tage bevor die Kurzzeitpflege aufhörte!

Nun konnte ich jetzt alle Formalitäten dafür erledigen.

Dann wieder zurück an ihren Wohnort, eine Kündigung für ihr gemietetes Haus, den Umzug von Heim zu Heim organisiert, den Möbelwagen für deren Hausstand besorgt. Mit meiner Schwester und ihrem Mann haben wir alles verpackt, was mit sollte. Ich kann bis heute nicht glauben, dass wir das alles in dieser kurzen Zeit erledigen konnten.

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Auszug aus meinem Tagebuch:

Wir durchforsten die Wohnung, was mit muss und was vielleicht weg kann.

Ich finde, es kann ziemlich viel weg. Das Ehebett der beiden hat Schubladen unten drunter. Total praktisch, da kann man doch viel unterbringen. Das Schlafzimmer ist ziemlich klein. Auf der Seite, auf der Muddi immer geschlafen hatte, steht auch der Kleiderschrank. Dadurch kann man die Schubladen nicht zur vollen Länge herausziehen. Jahrelang haben sie in den Schubladen alles Mögliche untergebracht. Immer nach vorne und was schon drin war rückte zwangsläufig weiter nach hinten. Weihnachtsutensilien, die es aber noch einmal gab und jetzt woanders lagerten, damit man sie auch wiederfand. Strickzeugs, Badeanzüge, elektrische Wärmedecken, Klamotten, die sowieso nichts mehr waren, aber man kann das ja nicht wegwerfen…

Den gesamten Inhalt haben sie bestimmt schon jahrelang nicht mehr gesehen. Ich packe alles in blaue große Müllsäcke und verschweige Vaddi, was ich damit vorhabe.

Viele Dinge habe ich später neu oder gebraucht wieder gekauft. Sie brauchten sie nicht, aber: „Wir haben da doch noch…“

 

Dann kommt der Tag des Umzuges.

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