Meine Eltern werden alt Teil 2

 

Meine Eltern werden alt. Teil 2

 

Meine Eltern waren nie alt. Nicht mit 80 und 85 Jahren, nicht mit 85 und 90 Jahren.

Wenn sie mal alt sind, dann wollen sie in ein Altersheim. Und anonym beerdigt werden. Sie wollen uns keine Arbeit machen oder uns Sorgen bereiten.

Wir wohnten damals weit voneinander entfernt.

Mein Mann und ich, auch meine Schwester mit Mann und meine Neffen, wir kümmerten uns um sie, so gut es ging. Für mich und die Neffen waren es 300 km und 500 km für meine Schwester, die wir zurückzulegen hatten.

Wir halfen auch eher heimlich, denn ≈sie können das alles ja noch≈.

Nachdem mein Vater mit fast 91 Jahren sein Auto verkauft hatte, da durften wir gerne Blumen und Blumenerde kaufen, im Winter nahmen sie das Angebot an, sie mit Streusalz zu versorgen.

Wenn viel Schnee lag, sind wir „mal eben“ hin und haben Schnee geschippt.„Ach wie schön, das hat sicher unser Nachbar Gerd gemacht“, sagten sie dann. Wir haben es niemals richtig gestellt, wir machten das ja heimlich, noch bevor wir klingelten.

Früher haben wir ganz unbefangen mit ihnen über alles reden können.

Nachdem mein Vater die 90 überschritten hatte, wollten sie von einem Altenheim nichts mehr wissen.

Wir wollten sie ja auch gar nicht in ein Altenheim verfrachten, aber mal drüber reden, wohin, wenn es denn mal soweit ist, das wollten wir schon.

Sie hatten sich angeblich auch schon ein schön gelegenes Heim am Nord-Ostsee-Kanal ausgesucht. Ich hätte gerne einmal gewusst, wie es heißt, wo das genau ist.

„Wenn wir dann alt sind sagen wir euch Bescheid!“

Nun war er da, der Tag X. Ein Schlaganfall!

Meine Mutter war 88 Jahre alt.

Der Beginn meines ab da geführten Tagebuchs entsprang den unzähligen Mails, die wir Kinder und Enkel untereinander schrieben. Voller Sorge.

Die Nachbarin meiner Eltern rief mich an, um zu berichten, dass es meiner Mutter nicht gut geht. Mein Vater beschwichtigte die ganze Sache allerdings, als ich ihn anrief. Muddi sei nur im Supermarkt umgeknickt. Sie ist auch in der Tat noch zu Fuß allein zurückgegangen. Ab da lag sie dann im Bett.

Obwohl ich ihn sanft beschwor, nachdem sie auch am dritten Tag noch das Bett hütete, die 112 anzurufen, meinte Vaddi: “ Das kann ich nicht.“

Wir beruhigten ihn, dass wir uns kümmern werden, er soll mal die Krankenkassenkarte herauslegen. Nachdem ich einen Krankenwagen an die Adresse meiner Eltern bestellt hatte, telefonierten meine Schwester und ich miteinander und verabredeten uns, am nächsten Tag zusammen dorthin zu fahren.

Für alle, die einmal in eine ähnlichen Situation kommen sollten: Wählen Sie die Vorwahl des Ortes, in dem etwas passiert ist und dann die 112. Das funktioniert.

Meine Schwester Edda und ich sind also am nächsten Tag nach Schleswig Holstein gefahren.

Auszug aus meinem Tagebuch:

Die Tür vom Haus ist nicht abgeschlossen. Als wir hereinkommen sitzt Vaddi im Wohnzimmer auf dem Sofa und weint! Wann haben wir unseren Vater denn mal weinen gesehen? Wir setzen uns zu ihm und weinen auch! Es ist so schwer, Vaddi wieder zu beruhigen, er hat, genau wie wir, furchtbar Angst, Muddi zu verlieren. „Ich weiß nicht einmal, wie es ihr geht, es hat auch keiner angerufen“, stammelte er. Er war mit der Situation jetzt plötzlich völlig überfordert.

Er ist 93 Jahre alt. Er hat kein Auto mehr und traute sich auch nicht, das Haus zu verlassen, weil er dann telefonisch nicht erreichbar ist. Er hoffte so sehr auf einen Anruf vom Krankenhaus.

„Ich bin so froh, dass ihr hier seid, wisst ihr schon was? Ist Muddi tot?“ „Wie kommst du da drauf?“ wollte Edda erschrocken wissen. „Weil ihr allebeide hier seid.“

Natürlich wissen wir nichts, wer sollte uns denn angerufen haben? Wir fahren zusammen direkt los ins Krankenhaus.

Meine Mutter hatte wohl vermutlich im Supermarkt eine leichte TIA gehabt, aber da ich telefonisch keine wirkliche Auskunft geben konnte, (Die Nachbarin sagte mir: „deine Mutter sieht so komisch aus, so grün irgendwie, auch im Gesicht…“) und auch mein Vater nicht, als die Sanitäter eintrafen, da hat man sich nicht wirklich neurologisch um sie gekümmert. Es war Wochenende, wir konnten keinen Arzt sprechen und die Schwestern waren auf der übervollen Station heillos überlastet. Schriftlich und montags dann auch mündlich bei einer „Fastärztin“ baten wir um ein neurologisches Konsil, da wir den hängenden Mundwinkel und den Nichtgebrauch des linken Armes feststellten. Das hatte sie vorher nicht. Unsere Bedenken wurden aber irgendwie übergangen, hier sind die Fachleute, sie hat ein niedriges Hb, danach wird geforscht. ( Die lästigen Angehörigen mit ihrem Laienwissen…)

Den schweren Schlaganfall bekam sie im Krankenhaus. Bei einer Darmspiegelung.

Dem Krankenhausaufenthalt folgte eine Reha.

Man muss sich das jetzt so vorstellen: Bisher hatten sie völlig selbstständig und selbstbestimmt in ihrem kleinen Haus gewohnt. Nun war mein Vater plötzlich aber nicht mehr in der Lage, eine Tasche für den Reha Aufenthalt zu packen, konnte während des 3 wöchigen Krankenhausaufenthaltes nicht Schmutzwäsche gegen neue tauschen, hatte keine Ahnung, dass man Seife, Kamm und Creme braucht.

Also haben das alles wir übernommen, meine Schwester und ich, dann auch nur noch mein Mann und ich. Wir haben etwas mehr Zeit und wohnen ja nicht „soooooo“ weit.

Der Reha Aufenthalt betrug nicht mal 2 Wochen, da wollten sie meine Mutter schon wieder loswerden. Sie würde nicht genug mitmachen, sagten sie.

Mein Mann und ich haben unseren Urlaub genutzt, eine Woche lang im Hotel nebenan zu wohnen, um uns ein wenig zu kümmern. Auch um meinen Vater, der ja nun plötzlich ganz allein war.

Für mich sah es jetzt so aus, als ob ihnen die alte und auch vielleicht etwas verwirrte Frau irgendwie lästig war. Sie war ja zudem plötzlich behindert durch die Hemiparese. Sie brauchte Hilfe beim Waschen, Hilfe beim Essen richten, das ging nicht so einfach, sie konnte ja alles nicht mehr kleinschneiden, sie benutzte nur den rechten Arm und auch das Laufen, das sollte sie dort erst wieder erlernen.

Sie soll mal in die Kurzzeitpflege. „Übermorgen wird sie entlassen.“

Auch hier haben mein Mann und ich alle Entscheidungen getroffen. Man konnte kaum mit meinem Vater darüber sprechen, er war da völlig überfordert und hat die Schwere der Krankheit gar nicht gesehen. Aber wir mussten etwas unternehmen. Jetzt und sofort.

 

 

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Ein Gedanke zu “Meine Eltern werden alt Teil 2

  1. Kommt mir alles irgendwie bekannt vor. Als würden alte Menschen ihre Personalität verlieren, sobald sie gepflegt werden müssen. Ich werde es lesen. Stück für Stück. Und rebloggen. Danke. Ena.

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